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Hieronymus († 420) - Über die beständige Jungfrauschaft Mariens (Adversus Helvidius de perpetua virginitate b. Mariae)

15.

An unzähligen Stellen sind solche Bezeichnungen in die göttlichen Bücher eingestreut. Doch will ich nicht weitschweifig werden, sondern zum letzten Gliede der Einteilung zurückkehren, wo ich sagte, daß auch ein auf Zuneigung beruhendes Verhältnis als Bruderschaft betitelt wird. Diese ist zu scheiden in eine geistige und eine allgemeine. In eine geistige, weil wir Christen alle Brüder genannt werden, z. B.: "Siehe wie schön und wie lieblich, wenn Brüder zusammenwohnen"1 , oder: "Gehe und sage zu meinen Brüdern"2 . Die allgemeine Bedeutung gründet sich darauf, daß wir alle von einem Vater abstammen, daß uns gleiche Verwandtschaft verbindet. "Saget", so heißt es, "zu denen, die euch hassen, unsere Brüder seid ihr"3 . Und der Apostel schreibt an die Korinther: "Wenn irgendein Bruder Wollüstling oder Geizhals oder Götzendiener oder Verleumder oder Trunkenbold oder Räuber genannt wird, so wollet mit einem solchen nicht essen"4 , u. s. w. Ich frage dich jetzt: "In welchem Sinne ist nach deiner Meinung im Evangelium von Brüdern des Herrn die Rede?" Ist gedacht an das eigentliche auf Blutsverwandtschaft beruhende Bruderverhältnis? Davon sagt die Heilige Schrift nichts; denn sie nennt die Brüder weder Söhne Marias noch Söhne Josephs. Ist etwa gedacht an die Stammesgemeinschaft? Dann wäre es töricht, eine kleine Anzahl der Juden Brüder zu nennen, da alle dort anwesenden Juden mit gleichem Rechte hätten Brüder genannt werden können. Ist etwa gedacht an eine allgemeine menschliche oder geistige Zuneigung? Wenn dies der Fall wäre, wer hätte denn mehr Anrecht auf den Titel Brüder als die Apostel, die Jesus innerlich belehrte, die er selbst Mutter und Brüder nannte?5 Wenn übrigens alle, weil sie Menschen sind, auch Brüder sind, so wäre es töricht gewesen, daß man als etwas Besonderes die Kunde brachte: "Siehe, Deine Brüder suchen Dich"6 , da insgemein alle Menschen auf diesen Titel hin Brüder sind. Es bleibt also nach obiger Auseinandersetzung nur übrig, für sie das Wort Bruder als Bezeichnung der Verwandtschaft, nicht aber der Zuneigung oder der Zugehörigkeit zu einem Volke oder endlich der gemeinsamen Abstammung aufzufassen. Sie sind Brüder in dem Sinne, in welchem Lot Abrahams und Jakob Labans Bruder genannt worden sind, in welchem die Töchter Salphaads den Klerus unter ihre Brüder aufnahmen7 , in welchem endlich auch Abraham seine Schwester zur Gattin hatte. Er sprach nämlich: "In Wahrheit ist sie meine Schwester väterlicher-, aber nicht mütterlicherseits"8 , d. h. die Tochter eines "Bruders" aber nicht einer "Schwester". Wie wäre es "sonst möglich gewesen, daß Abraham als gerechter Mann die Tochter seines Vaters hätte zur Gattin nehmen können, während selbst bei den ersten Menschen aus zarter Rücksichtnahme auf die Zuhörer die Heilige Schrift davon schweigt, da sie nur will, daß es verstanden, aber nicht, daß es ausgesprochen werde. Wie wäre dies denkbar, da Gott selbst durch ein Gesetz unter Strafandrohung bestimmt: "Wer seine Schwester väterlicher- oder mütterlicherseits zu sich nimmt und sieht ihre, sie aber seine Scham, wird zum Schimpfe. Sie sollen ausgetilgt werden vor den Angehörigen ihres Stammes. Er hat die Scham seiner Schwester aufgedeckt und wird seine Strafe empfangen"9 .

1: Ps. 132, 1.
2: Joh. 20, 17.
3: Is. 66, 5 nach LXX
4: 1 Kor. 5, 11.
5: Matth. 12, 49; Mark. 3, 34.
6: Matth. 12, 47.
7: Mißverstandene Auffassung von Num. 36, 2.
8: Gen. 20, 12.
9: Lev. 18, 9. 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger