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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)

Viertes Buch: Widerlegung der Sekte des Marcion.

1.

[S. 152] 1 Der Sektierer Marcion führt ein anderes Wesen gegen den Gott des Gesetzes ein und stellt ihm die Materie als wesenhaft seiend zur Seite und drei Himmel. Im einem, sagen sie, wohnt der andere (d. h. als der Gott des Gesetzes), im zweiten der Gott des Gesetzes und im dritten seine Heerscharen. Und auf der Erde (ist) die Materie. Sie nennen dieselbe die Kraft der Erde.

Und die Ordnung der Welt und der Geschöpfe erzählt er wie das Gesetz (d. h. Moses). Aber er fügt auch hinzu, daß er durch Beteiligung mit der Materie erschuf, was alles er erschaffen hat. Einer Frau und einem Eheweib gleich war die Materie. Nachdem er die Welt erschaffen hatte, ging er selbst mit seinen Heerscharen in den Himmel. Die Materie und ihre Söhne blieben auf der Erde, und es ergriffen beide Teile Besitz von ihrer Herrschaft, die Materie auf der Erde und der Gott des Gesetzes im Himmel.

Und als der Gott des Gesetzes sah, daß die Welt schön ist, dachte er, auf ihr den Menschen zu erschaffen. Er stieg hinab zur Materie auf der Erde und sagte: Gib mir von deinem Lehm und ich gebe meinerseits Geist und so wollen wir den Menschen schaffen nach unserem Gleichnis. Da gab ihm die Materie von ihrer Erde, und er schuf ihn und hauchte in ihn Geist, und es wurde der Mensch zum lebendigen Hauche. Daher wurde er Adam genannt, denn aus Lehm war er gemacht worden. Und er schuf ihn und eine Gattin für ihn und setzte sie ins Paradies, wie das Gesetz erzählt. Da kamen sie immer und gaben ihnen Befehle und freuten sich an ihnen wie über einen gemeinsamen Sohn.

[S. 153] Und wie, so sagt er [Marcion], der Gott des Gesetzes, welcher der Herr der Welt war, sah, daß Adam edel sei und würdig für den Dienst, überlegte er, wie er ihn der Materie rauben und auf seine Seite allein als Bundesgenossen hinüberziehen könnte. Er nahm denselben auf die Seite und sagte: „Adam, ich bin Gott und es gibt sonst keinen. Und außer mir sollst du einen anderen Gott nicht haben. Wenn du einen anderen Gott außer mir haben würdest, so wisse, daß du des Todes sterben wirst.“ Und wie er das zu ihm sagte und ihn an den Namen des Todes erinnerte, da wurde Adam vom Schrecken erfaßt und begann nach und nach von der Materie sich zu trennen.

Wie nun ihrer Gewohnheit gemäß die Materie wiederkam und ihnen Befehle gab, sah sie, daß Adam ihr nicht gehorchte, sondern mit Bedacht 2 sie zurückwies und sich ihr nicht näherte. Da faßte die Materie Bedenken und erkannte, daß der Herr der Geschöpfe sie betrogen habe. Sie sprach: ,,Von der Quelle des Wassers 3 ist das Wasser getrübt.“ Was bedeutet das? Noch hat sich der Mensch nicht durch Geburt vermehrt und schon hat er unter dem Titel seiner Gottheit ihn von mir weggestohlen. Weil er gegen mich Haß gezeigt und den Bund mit mir nicht gehalten hat, werde ich nun viele Götter machen und mit ihnen die Erde erfüllen nach ihrem ganzen Sein, damit er forschen muß 4, wer eigentlich Gott sei und er nicht gefunden wird.

Und sie machte, so lehren sie, viele Götzen und nannte sie Gott und erfüllte mit ihnen die Erde. Da ging der Name Gottes, des Herrn der Geschöpfe, unter inmitten der Namen vieler Götter und ward nirgends mehr gefunden. Durch sie geriet sein Geschlecht auf Irrwege und diente ihm nicht mehr, denn die Materie zog alle an sich und ließ gar niemand mehr frei, ihm zu dienen. Da, so sagen sie, erzürnte der Herr der Geschöpfe, daß sie ihn verlassen hatten und der Materie gehorchten. [S. 154] Und einen nach dem andern, welche ihre Leiber verlassen hatten, warf er aus Zorn in die Hölle. Und Adam warf er in die Hölle wegen des Baumes. Und so warf er nach und nach alle in die Hölle bis zum Ablauf von neunundzwanzig Jahrhunderten.

Auch der gute andere Gott, sagen sie nun, welcher im dritten Himmel sitzt, sah, daß so viele Geschlechter verlorengingen und der Qual überliefert wurden als Zankapfel (arm: inmitten) zweier Neider, nämlich des Herrn der Geschöpfe und der Materie. Und es schmerzten ihn die ins Feuer Gestürzten und der Qual Verfallenen. Er sandte seinen Sohn, auszuziehen und sie zu befreien und die Gestalt des Knechtes anzunehmen und in Menschengestalt aufzutreten unter den Kindern des Gottes des Gesetzes. Du sollst, so sagte er zu ihm, ihre Aussätzigen heilen, ihre Toten zum Leben erwecken, ihre Blinden öffnen und unter ihnen große Heilungen umsonst wirken, bis der Herr der Geschöpfe dich sieht, beneidet und dich ans Kreuz erhöht. Dann, wenn du gestorben bist, steigst du hinab in die Hölle und führst sie von dort heraus. Denn die Hölle ist es nicht gewöhnt, das Leben in sich aufzunehmen. Deswegen auch kommst du an das Kreuz, damit du den Toten gleichst und die Hölle wird ihren Mund auftun, dich zu verschlingen. Du gehst nun mitten in sie hinein und wirst sie leeren.

Und als sie ihn ans Kreuz erhöht hatten, da stieg er, wie sie sagen, in die Hölle hinab und leerte sie. Er führte die Geister aus ihr heraus und brachte sie in den dritten Himmel zu seinem Vater. Der Herr der Geschöpfe erzürnte und zerriß im Zorn seinen Mantel und den Vorhang seines Tempels, dann verfinsterte er seine Sonne und kleidete in Dunkel seine Welt und saß traurig voll Betrübnis.

Da stieg Jesus in der Gestalt seiner Gottheit zum zweitenmal hernieder zum Herrn der Geschöpfe und hielt Gericht mit ihm wegen seines Todes. Als der Herr der Welt die Gottheit Jesu sah, da erkannte er, daß noch ein anderer Gott ist als er. Und Jesus sprach zu ihm: „Jetzt ist Gericht durch mich gegen dich, und niemand [S. 155] anders soll Richter sein zwischen dir und mir als deine Gesetze gerade, die du geschrieben hast. Als sie die Gesetze vorgelegt hatten, sprach Jesus: „Hast nicht du in deinen Gesetzen geschrieben, wer tötet, der soll sterben; und wer das Blut eines Gerechten vergießt, dessen Blut sollen sie vergießen?“ (Gen. 9, 6.) Er sprach: „Ja, das habe ich geschrieben.“ Und Jesus sprach zu ihm: „Also ergib dich in meine Hände, damit ich dich töte und dein Blut vergieße, wie du mich getötet und mein Blut vergossen hast. Denn ich bin gehörigermaßen gerechter als du. Und auch deinen Geschöpfen habe ich große Wohltaten erwiesen. (Anschließend) fing er an, die Wohltaten aufzuzählen, welche er seinen Geschöpfen erwiesen hatte.

Als der Herr der Geschöpfe sah, daß er über ihn obsiegte, und als er nicht wußte, was er sagen sollte, weil er durch seine eigenen Gesetze der Schuld überführt wurde, und er nichts fand, was er zur Antwort hätte geben können, weil er des Todes schuldig war wegen des Todes jenes, da flehte er ihn an und bat: „Dafür, daß ich gesündigt und dich unwissentlich getötet habe, wußte ich doch nicht, daß du Gott seiest, sondern hielt dich für einen Menschen, will ich dir diese Sühne zum Ersatz geben, alle, welche an dich glauben wollen, sollst du hinführen, wohin du willst. Da ließ Jesus von ihm ab und nahm in einer Entrückung den Paulus und offenbarte ihm den Preis. Und er sandte ihn aus, zu verkünden, daß wir um einen Preis losgekauft sind, und jeder, der an Jesus glaubte, vom gerechten (Gott) dem Guten verkauft ist.

Das ist der Anfang der Sekte des Marcion, abgesehen von vielen anderen geringfügigen Dingen. Doch das wissen nicht alle, sondern nur wenige von ihnen. Sie pflanzen ihre Lehre einander mündlich fort. Sie sagen: Der andere (Gott) hat uns vom Herrn der Geschöpfe um einen Preis erkauft. Doch auf welche Weise und womit er sie erkauft habe, das wissen nicht alle.

1: Die Überschrift des Buches fehlt bei E.
2: K. mit Mißachtung.
3: Neumann Zfw Th S. 73: die Quelle des Auges ist durch ihr Wasser getrübt.
4: chndrithse bei V. ersetzt Artryt in Biurakn 1897 S. 375 (Vd) durch chndrizi u. übersetzt: afin qu'on cherche, qui es Dieu.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger