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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Viertes Buch: Widerlegung der Sekte des Marcion.

9.

Und wenn Jesus, wie sie sagen, als Richter und Mittler die Gesetze des Gerechten gefordert hätte, dann [S. 164] wäre er sofort durch die Gesetze vielmal des Todes schuldig erwiesen worden, weil er vor seiner Kreuzigung viele geraubt hat. Das tat er zudem nicht nur allein, sondern er wählte auch viele andere von ihnen aus und sandte sie, Jünger zu sammeln und zu ihm zu führen.

Dabei beließ er es zudem nicht einmal, sondern gab ihnen auch die Gewalt, die Scharen ihres Herrn niederzutreten, und warf Schwert und Zwist in sein Haus und entfachte ein Feuer unter den Geschöpfen jenes, bis man seine Gesetze kürzte und unterdrückte in den Tagen Johannes des Täufers, und bis sein Reich verkündigt wurde mit Aussendung vieler Prediger zur Predigt und vieler Schnitter zur Ernte, die er doch selbst nicht gesät hatte. Und ehe noch irgendjemand ihm einen Schaden zufügte, ehe man ihn kreuzigte und sein Blut vergoß, raubte dieser jenem sein Haus aus und zerstörte sein Reich. Und jener stand dabei und schwieg und fügte ihm keinen Schaden zu!

Wie können sie auch sagen, daß er durch seine Kreuzigung den Marcion erkaufte. Denn siehe, alle diese Scharen von großer Zahl hat er an sich gerissen, schon ehe er ans Kreuz gekommen war.

Doch, sie sagen: diese nahm er für sich als Preis der Heilungen. Er heilte die Kranken, machte die Aussätzigen rein, erweckte die Toten, gab den Gelähmten Kraft und trieb die Teufel aus. Und wäre irgendein Arzt, welcher den Sohn von irgendjemand heilte, und keinen Lohn nimmt, sondern den Geheilten selbst ganz und gar als Preis der Heilung fordert? Räumen wir auch ein, daß die Geheilten ihm zufielen für die Wohltaten, weshalb hat er aber auch jene, welche er nicht geheilt hat, an sich gelockt und sie von ihrem Herrn abgebracht? Das war nicht die Art des Guten, sondern des Betrügers.

Und wie konnte er die Gesetze zum Richter verlangen, denen er schon, ehe ihm der Tod angetan ward, im Hause jenes soviel Abtrag getan hatte; zumal er auch wußte, daß die Gesetze ihn verurteilen und nicht rechtfertigen. Wenn er in Gestalt eines Israeliten in das Haus jenes kam, so war er ja gleichwohl zu verurteilen. Denn im Gesetze steht geschrieben, daß jeder Jude, der das [S. 165] Gesetz übertritt, getötet werden soll, und wer nicht beschnitten würde, und den Sabbat nicht hielte, sollte sterben (Gen. 17, 14; Exodus 35, 2). Und er übertrat das Gesetz und erschütterte die (jüdische) Religion und war nach dem Gesetz der Todesstrafe verfallen. Und auch wenn er in der Gestalt anderer Völker zu ihnen gekommen wäre, so war ihnen zuvor ja befohlen, die fremden Völker zu töten und nicht zu schonen, nachher aber bestand bezüglich der Ankömmlinge und Fremdlinge, daß sie des Todes sterben sollten, wenn sie die Religion des Gesetzes nicht beobachteten. Er war also auch so nach dem Gesetz des Todes schuldig.

Käme es vor, daß jemand heimlich in das Haus seines Nächsten hineinginge, um etwas zu verderben, und wenn er ertappt wird, nicht des Todes schuldig wäre? Oder, daß jemand den Sohn oder Knecht eines andern zur Ungebührlichkeit und Widersetzlichkeit anstiftete, und man ihn nicht um den Kopf strafte, wenn man hinter ihn kommt? Oder gäbe es jemand, der als Späher in das Reich eines andern hineingeht, und es heimlich ausforscht, und den sie nicht sofort töteten, wenn sie ihn entlarvten?

In ähnlicher Art hat Jesus vor seiner Kreuzigung dem Gesetz vielen Schaden zugefügt im Hause des Gerechten. Und nach dem Gesetz, das er zum Richter verlangte, wurde er vielmal des Todes schuldig befunden. Denn als Fremder war er in das Haus eines andern eingedrungen und hatte darin großes Unheil angerichtet. Das Gesetz und die Propheten desselben hemmte er und verkündigte sein eigenes Reich.

Doch wer wäre es, der solch große Dinge tun könnte, wenn nicht der Herr von allem, der gesagt hat: „Alles ist mir von meinem Vater in die Hand gegeben“ (Matthäus 11, 27)? Daraus ergibt sich, daß ihm nicht als einem Fremden auf dem Weg des Raubes, sondern vom Vater alles gegeben worden war, und daß er als Herr der Gesetze dem Gesetz das Ende brachte. Und ehe er ans Kreuz kam, offenbarte er sein Reich.

O ihr Unverständigen, da ihr nicht begriffen habt, daß der Vater Jesu der Herr von allem ist, weil er alles in seine Hand gegeben hat. Er ist auch der Herr der Welt, [S. 166] und nicht derjenige, welchen ihr dafür hieltet, der gar nicht existiert. Denn alles, was neben ihm Gott genannt wird, das ist nicht Gott von Natur. Und noch vieles andere zeigt, daß unser Herr zu den Seinigen kam, und nicht zu Fremden. Er und sein Vater sind der eine Herr der Welt. Am besten zeigt der Verwundete, der, als er von Jerusalem nach Jericho ging, von den Räubern verwundet wurde, daß Christus für den Verwundeten kein Fremder war, sondern sein Nächster und sein Verpfleger. So hat er auch zu dem Pharisäer gesagt: Du hast recht geurteilt (Luk. 10, 30) [= Lukas 10, 28]. Und von dem Schafe und der Drachme, die verloren waren und gefunden wurden, ist klar zu folgern, daß er zu den Seinigen kam, nicht aber zu Fremden (Lukas 15, 4-8).

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger