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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Viertes Buch: Widerlegung der Sekte des Marcion.

7.

Ein anderer Punkt, den sie lehren, ist noch gottloser als alles, nämlich, daß der Gute, der im dritten Himmel wohnte, neunundzwanzig Generationen hindurch sah, wie die Seelen in der Hölle Qualen litten, dann Mitleid fühlte und seinen Sohn Jesus ausschickte, damit er gehe und die Ähnlichkeit eines Knechtes annehme und in der Gestalt des Menschen auftrete. Wenn er so mitleidig war, warum schickte er dann nicht sofort seinen Sohn, daß er gehe und sie befreie, sondern erst nachdem neunundzwanzig Generationen hindurch so viele Seelen der Höllenqual verfallen waren.

Indes, woher kommt er zunächst dazu, vom dritten Himmel zu reden? Denn Moses spricht nur von zwei Himmeln (Gen. 1, 6―8). Wie eben alle Häretiker irren, so auch dieser. Der eine spricht nämlich von zehn Himmeln, der andere von sieben und Marcion von drei. Ihren Irrtum wollen sie aus der Heiligen Schrift beweisen, da die heiligen Bücher von Himmeln und von Himmeln der Himmel in der Mehrzahl reden.

[S. 161] Wenn sie von niemand durch Fragen im Zaum gehalten werden, dann faseln sie außerhalb der Heiligen Schrift. Wenn sie sich aber in Gefahr sehen, dann flüchten sie zur Schrift. Doch Himmel und Himmel der Himmel finden wir in der Heiligen Schrift deshalb, weil man in der hebräischen Sprache Himmel (in der Einzahl) nicht sagen kann, wie auch in der syrischen Sprache nicht Wasser oder Himmel; sondern das Einzählige wird in der Vielzahl ausgedrückt.

Und es ist klar, daß die Septuaginta bei der Übersetzung in die griechische Sprache sagen: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, gleichwie betreffend des einen Himmels Kunde gebend. Und in syrischer Sprache heißt es, da man dort nicht Himmel in der Einzahl sagen kann: Im Anfang schuf Gott die Himmelmasse (yathnjerkins) und die Erdmasse. Obwohl es ihnen nicht möglich ist, in der Einzahl von einem Himmel zu reden, so tut doch die Übersetzung durch den Gebrauch von yathn, welches Masse (Element, Körper) bedeutet, kund, daß sie wie von einer Masse des einen Himmels (redet). Auch das sichtbare Firmament, welches vom Wasser getrennt wurde, übersetzen die Siebzig durch Himmel in der Einzahl (Gen. 1, 6 ̶ 8). Daraus geht hervor, daß der obere Himmel und der untere Himmel zwei Himmel sind, nicht aber drei oder noch mehr.

Nun sagen sie: Paulus sagt, daß ein solcher so in den dritten Himmel entrückt wurde (2 Kor 12, 8) [= 2. Kor. 12, 2]. Doch das wissen sie nicht, daß noch nicht klar ist, ob er ,,bis in den dritten Himmel“ sagt, oder bis in den dritten Teil des Himmels, irgendwie unter den vielen Teilen des einen Himmels. Denn in der griechischen Sprache trifft das Wort beides. Ganz besonders, da er ohne den Artikel spricht, welcher ν ist; denn er sagt nicht bis zum dritten Himmel, sondern bis zum dritten des Himmels, den Singular gebrauchend. Damit gibt er einen Fingerzeig, daß er in den dritten Teil von den vielen Teilen des Himmels entrückt wurde, deshalb fügt er hernach an: ein solcher wurde entrückt in das Paradies. Und das Paradies ist doch nicht der dritte Himmel, ja, es ist gar nicht einmal im Himmel, sondern auf der Erde. Das bezeugen sie auch selber, daß sie den Menschen, als sie ihn erschaffen [S. 162] hatten, in das Paradies setzten, welches auf der Erde und nicht im Himmel ist.

Es wird aber auch die Höhe Himmel genannt, wie z. B. die Schrift sagt: die Vögel des Himmels und der Tau des Himmels und die Wolken und Winde des Himmels. Nicht als ob diese im Himmel wären, sondern weil sie in der Höhe sind, werden sie „des Himmels“ geheißen. Ja selbst bezüglich der Bäume, die doch nur ein wenig in die Höhe ragen, sagen wir, sie seien himmelhoch. Und vom Rauche, daß er zum Himmel reicht. In dieser Weise ist auch des Paulus' Wort vom dritten Himmel zu verstehen.

Beginne mit dem ersten und steige zum zweiten, und gelange in den dritten Luftraum, der in der Schrift Himmel genannt wird, und du findest, was der heilige Paulus sagt: „Und ich hörte unaussprechbare Worte, welche niemand aussprechen darf,“ Obschon er Apostel war und ein Gefäß der Auserwählung, so war er doch der Genosse des Petrus, der Mitknecht der Donnerssöhne, im Predigen Gefährte des Barnabas; weshalb sollte er allein die unaussprechlichen Worte hören und sprechen dürfen, seine Genossen aber nicht? War denn nicht eine Gnade in allen und ein und derselbe Geist in ihnen? Und unaussprechlich heißen die Worte, nicht, als ob sie für ihn aussprechbar gewesen wären, für seine Genossen aber unaussprechlich, sondern im Sinne des Ausspruchs, den Paulus im ersten Brief an die Korinther tut: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, und was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben [=1. Kor. 2, 9].“

Auch das ist im Sinne der Worte zu denken: Nicht als wäre ich allein der tieferen Geheimnisse gewürdigt worden, der ich der Unterste bin unter den Aposteln, allein auch wenn Petrus, der das Haupt der Apostel ist, es sehen würde, so könnte er es nicht aussprechen, und wenn er es hörte, so könnte er es nicht wiedergeben. Denn es ist unaussprechlich und erhaben über den Verstand und die Sprache der Menschen. Und deswegen sagt der Apostel: „Obwohl ich es sah, kann ich es nicht wiedergeben, und obwohl ich es hörte, kann ich es nicht darlegen.“

Ferner, wessen Gott wurde der Beschützer der Geschöpfe wessen Gottes, sowohl als sie in Qualen lagen, [S. 163] als in der Ruhe? Und weshalb hat er den Übergang Jesu in seine Welt nicht wahrgenommen, weshalb keiner aus seinen Heerscharen, weshalb keiner von den andern seinen Weggang? Und wenn sie von ihm als Gott kein Geräusch wahrnehmen konnten 1, warum vernahmen sie nicht den Hall so vieler Seelen, welche er an ihnen vorbei, in seinen Himmel erhob?

Warum dann gaben auch die Wächter des Kerkers der Seelen ihrem Herrn keine Meldung? Doch es ist ja klar, daß es leere Worte sind und unglaubwürdige Erzählungen.

1: Wörtlich: Wenn sie das Seinige als eines Gottes nicht wahrnehmen konnten.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger