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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Viertes Buch: Widerlegung der Sekte des Marcion.

12.

Doch die Gesetze des Gerechten, sagen sie, stehen zu den Gnaden Jesu so sehr im Widerspruch, daß dort die Seligkeit den Reichen gilt und die Entmutigung den Armen (Ekkli. 31,8) [=Sirach 31, 8] und hier die Seligkeit den Armen und das Wehe den Reichen (Luk. 6, 20). Dort heißt es: „Töte nicht!“ und hier heißt es: ,,Wer seinem Nächsten zürnt ohne Not, ist der Hölle schuldig“ (Exod. 20, 13; Matth. 5, 22). Dort heißt es: „Du sollst nicht ehebrechen“ (Exod. 20, 14), und hier heißt es: „Wer auf ein Weib hinblickt, um es zu begehren, hat schon in seinem Herzen die Ehe gebrochen“ (Matth. 5, 28). Dort heißt es: „Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deinen Eid halten“, und hier heißt es: „Du sollst überhaupt nicht schwören.“

[S. 169] Wie denn sollen Gesetz und Gnade miteinander im Widerspruch stehen? Denn Abraham wurde, weil er den Fremden und Armen aufgenommen hatte, ein Freund Gottes genannt (Jak. 2, 23) und Christus sagt, daß der Arme in den Schoß Abrahams getragen wurde und der Reiche aber in die Qualen des Feuers (Luk. 16, 22). Christus preist die Armen selig und die Barmherzigen, weil sie Barmherzigkeit finden werden; und der Gott der Gesetze zeigt die Barmherzigkeit dermaßen, daß er verbietet, am Lasttier des Feindes, welches unter seiner Last zusammengebrochen ist, (ohne Hilfe zu leisten) vorbeizugehen, sei es nun einer von dem Volke oder einer aus fremdem Lande (Exod. 23, 5). Er verbietet, das Zicklein in der Milch der Mutter zu kochen [Exodus 23, 19] und die Henne, welche auf den Eiern oder auf den Jungen sitzt, zugleich miteinander zu nehmen (Exod. 23, 19) [= ?]. Dort heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev. 19, 18); und hier heißt es: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, denn an diesem Gebot hängen das Gesetz und die Propheten (Matth. 22, 36 ff.). Und er (Christus) sagt: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen.

Wie könnte nun auch der zum Gesetz im Widerspruch stehen, der gekommen ist, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Zu dem Aussätzigen, den er heilte, sagte er auch: „Gehe und bringe das Opfer für deine Reinigung, wie es Moses im Gesetze vorgeschrieben hat (Matth. 8, 4). Und zu dem Gesetzesgelehrten, der ihn fragte: „Was soll ich tun, daß ich das ewige Leben erbe“, sagte er: „Die Gebote des Gesetzes kennst du.“ Und als er wieder fragte: Welche Gebote? da sagte er: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten!“ (Matth. 19, 16 ff.) Damit offenbarte er, daß seine Lehre zum Gesetz nicht in Widerspruch steht, sondern mit ihm übereinstimmt.

Übrigens ist das Nichtzürnen durchaus nicht ein Widerspruch zum Nichtmorden, sondern stimmt damit gar sehr überein. Denn wenn einer nicht zürnt, der trägt in seinem Geist auch keinen mörderischen Anschlag. In [S. 170] gleicher Weise steht das Nichtbegehren dem Nichtehebrechen keineswegs als Widerspruch gegenüber, sondern stimmt mit ihm aufs Beste überein. Denn wenn man nicht begehrt, der erfrecht sich auch nicht, einen Ehebruch zu begehen. Das Überhauptnichtschwören und das Nichtfalschschwören sind auch keineswegs Widersprüche, sondern sehr eng verbunden. Denn wenn einer sich nicht gewöhnt, häufig zu schwören, der schwört auch nie falsch. Da sie dort beim Namen der Götzen schwörten, sagt er: „Ihr sollt dem Herrn eure Schwüre halten.“ Er lehrt: „Auf mich sollst du schwören, den Lebendigen, und nicht auf Götzen, die kein Leben haben.“ Hier jedoch sagt Christus, um seine Jünger vollkommen zu machen: „Ihr sollt gar nicht schwören, sondern euer Ja sei Ja, euer Nein sei Nein und das, was darüber hinaus ist, ist vom Bösen (Jak. 5, 12; Matth. 5, 37). Wenn schon, was über Ja und Nein hinausgeht, vom Bösen ist, wieviel mehr, wer auf den furchtbaren Namen falsch schwört.

Was dann des weiteren das Nichtzürnen und Nichtbegehren angeht, welches Jesus lehrte 1, so hält er den Gott des Gesetzes so sehr für Gott, daß er dessen Worte im Evangelium erhärtet, und jene rasen, daß Jesus sie das Entgegengesetzte lehrt! Bezüglich der Speisen finden wir im Alten und im Neuen Testament desgleichen, daß sie von Gott zur Nahrung gegeben sind. Dort sagt er: „Schlachte und iß alle eßbaren Tiere und Vögel“ (Gen. 9, 3). Und hier sagt er: „Was zum Mund des Menschen hineingeht, das alles verunreinigt ihn nicht (Matthäus 15, 17. 18; Markus 7, 15), sondern, was zum Mund herauskommt, das verunreinigt ihn.“ Und von dem allen ist eines auch das Fleisch. Und wenn Nahrungsmittel etwas Unreines wären, so würde er nicht zuerst von ihnen gegessen haben und den andern hernach den Befehl gegeben haben, davon zu essen.

Wenn wir nun im Neuen Testament nirgendwo dies Wort von ihm finden: „Du sollst dieses nicht essen“, so ist klar, daß er die Unterscheidungen der Speisen, welche [S. 171] nach dem Gesetz bestanden, aufhob dadurch, daß er mit Sündern und Zöllnern und Pharisäern aß und trank. Bezüglich des Ostermahles sagte er auch zu den Jüngern: „Mit Sehnsucht habe ich verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen.“ Wollen sie etwa auch vom Ostermahl sagen, daß es Fisch sei, nicht ein Lamm. Denn Christus aß alle Speisen ohne Unterschied, wie es aus den Evangelien hervorgeht.

Wenn sie dennoch sagen sollten: Christus aß nach der Auferstehung Fisch, aber nicht Fleisch, deswegen essen auch wir Fische, aber kein Fleisch, so ist zu sagen: daß dann eben auch sie in diesem Leben nicht Fisch essen sollten, sondern dereinst in der Auferstehung, wie auch er nach der Auferstehung Fisch aß, welchen er bei den Fischern fand.

Daß übrigens auch der Fisch Fleisch ist, dies ist allen bekannt. Denn was Fleisch und Blut und Fett und Knochen hat, das muß auch fleischern und lebendig sein. Es gibt ja einen Fisch, bei dem, wie bei einem Schweinsrücken ein Fleischsattel über die Seiten geht und bei dem Blut fließt, mehr als wie es bei einem Schafe herauskommt. Und diese wüste Speise ißt er, von der selbst die Raubtiere und das Vieh nicht fressen. Den Fisch muß man doch eher ein Raubtier nennen, der ohne Unterschied seinesgleichen verzehrt. So rein wie er sind die Tiere auch zu nennen, denn von ihnen werden Gott Schlachtopfer und Brandopfer dargebracht, von den Fischen aber nicht desgleichen.

Aber auch zum Geheimnis und zum Vorbild des großen Geheimnisses, welches offenbar werden sollte, wurden Schafe und Rinder bestimmt, nicht aber Fische, so war das Lamm, durch dessen Blut die Erstgeburt der Israeliten in Ägypten gerettet wurde (Exodus 12.), und der Widder, der statt Isaaks getötet wurde (Gen. 22, 13), ein Geheimnis des wahren Lammes, welches die Sünden der Welt trägt; ebenso das Kalb, welches sie außerhalb des Lagers als Brandopfer schlachteten, nach dessen Vorbild auch Christus außerhalb der Stadt litt (Hebräer 13, 11 f.; Lev. 4, 12). David sagt auch: „Möge es dem Herrn gefallen wie ein zartes Kälblein“ (Ps. 68, 32) [= Ps. 69, 32], nicht aber [S. 172] wie ein zarter Fisch. Denn wenn auch der Fisch zum Gleichnis dient, so ist er doch nur ein Gleichnis des Grabes, nicht des Lebens, gemäß dem Wort des Herrn: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so muß auch der Menschensohn in das Herz der Erde eingehen und dort sein drei Tage und drei Nächte“ (Matthäus 12, 40). So finden wir in der Heiligen Schrift nicht, daß er den Fisch heiligte und zur Speise gab und Enthaltung vom Fleische als von etwas Unreinem und Gemeinem auferlegte.

Im Gesetz jedoch ist geschrieben: „Ich gab euch zu essen die Tiere und die Vögel wie das Kraut des Feldes, jedoch das Gefallene (Aas) und das Blut sollt ihr nicht essen, denn die Seele des Tieres ist sein Blut“ (Gen. 9, 3; Lev. 17, 11). Im Briefe, den die Apostel von Jerusalem nach Antiochia sandten, bestimmten auch sie dasselbe, daß ihr euch enthalten sollt vom Erstickten, vom Gefallenen und von Unzucht (Apg. 15, 22 ff). Sie sagten aber nicht: Vom Fleische. So nennt er auch im Gesetz die eßbaren Tiere rein, die nicht eßbaren unrein (Lev. 11), nicht als ob etwas von Natur unrein wäre, sondern was für die Sinne des Menschen nicht begehrlich ist, nennt er unrein. Denn er wußte, daß es Dinge gibt, die sie zu essen begehren, und Dinge, die sie nicht zu essen begehren. Und dementsprechend gab er dafür das Gesetz.

daß jedoch unter den Nahrungsmitteln nichts unrein ist, das sollt ihr vom Herrn hören: „Es ist nichts von dem, was in den Leib des Menschen hineingeht, was den Menschen verunreinigen könnte, sondern was aus dem Menschen herausgeht, das verunreinigt den Menschen“ (Matthäus 15, 11). Mit einem Vorausblick auf den unmäßigen Hochmut der Irrlehrer sagt der Apostel mit prophetischem Wort: „Sie verbieten die Nahrung und halten vom Heiraten ab, was doch Gott eingesetzt hat zum Trost der Gläubigen, die es mit Dank genießen. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet.“ [1. Tim.4, 3-5] Nicht als ob es unrein wäre und gereinigt würde, sondern über das, was jenen noch unrein schien wegen des Opferns, sagt der Apostel, daß es gereinigt wird durch das Wort Gottes und das Gebet. Deshalb erklärt er auch in einem anderen Briefe: „Wenn euch jemand von den [S. 173] Ungläubigen einladet, und ihr gehet hin, so esset alles, was euch vorgesetzt wird und laßt euch nicht verwirren" (1 Kor. 10, 27). Es ist auch dabei offenbar, daß eines von allem das Fleisch ist. Und nochmals (sagt er): „Was verkauft wird beim Fleischer, das heißt auf dem Fleischmarkt, das esset und laßt euch nicht verwirren (1 Kor. 10, 25).

Doch sie sagen: „Der Apostel sagt doch auch, daß es besser ist, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken und überhaupt nichts, woran ein Bruder Anstoß nehmen könnte“, und dann noch: „Ich würde kein Fleisch essen in Ewigkeit, wenn dadurch mein Bruder geärgert würde“ (1 Kor. 8, 13; Röm. 14, 21).

Wir wollen darauf antworten: Wenn ein Bruder am Fisch Anstoß nimmt, dann wäre es also auch nicht recht, ihn zu essen. Denn des Ärgernisses wegen ist es nicht recht, zu essen und nicht deshalb, als ob etwas Unreines in den Nahrungsmitteln sich befände. Das gilt besonders vom Wein, bei welchem viele sündigen. Nicht ebenso reizt auch das Fleisch zur Sünde, wie es der Wein tut bei denen, die ihn trinken, und wie er Ärgernis bereitet denen, die zuschauen. Was sollte es bedeuten, daß die Marcioniten vom Fleisch sich enthalten, vom Wein aber sich nicht hüten, denn das Wort (der Schrift) geht doch über beide. Es sagt, man solle kein Fleisch essen und keinen Wein trinken und fügt den Grund dafür bei mit dem Zusatz: „Wenn dadurch mein Bruder Ärgernis nähme oder schwach würde.“ Daraus geht hervor, daß er wegen des Ärgernisses diesen Gedanken darlegte, nicht aber, als ob er Lebensmittel für unrein hielte. Sagt er doch: „Mancher glaubt, alles essen zu dürfen“ (Röm. 14, 2) und bemerkt: „Wenn du glaubst, daß die Lebensmittel durch Gottes Wort und Gebet geheiligt werden, so iß und mache keinen Unterschied" (1 Tim. 4, 5). „Aber wenn du schwach bist im Glauben und in Verwirrung kommst, dann esse nur Gemüse und nimm kein Ärgernis. Und wenn du nicht glaubst, alles als rein essen zu dürfen, so wage es nicht, jenen zu richten, welcher ißt, wie auch der, welcher ißt, dich nicht als schwach gering achten darf, der du nicht glaubst, alles als rein essen zu dürfen. Denn nicht die Speisen bringen uns zu Gott oder reißen [S. 174] los vom Angesichte Gottes, sondern der Glaube oder das Gewissen und das Ärgernis.“

1: Der Text von hier bis unten: „essen auch wir Fische aber kein Fleisch, so ist zu sagen", fehlt bei E., sie findet sich aber in Kapitel 14 eingeschoben.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger