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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Erstes Buch: Widerlegung der Irrlehre der Heiden.

15.

Nach all diesen überzeugenden Darlegungen bringen sie nun hartnäckig immer wieder das gleiche vor. Von Natur ist das Böse, so sagen sie, und nicht aus freiem Willen.

[S. 54] Demgegenüber weisen wir darauf hin: Wenn es von Natur wäre, weshalb werden von den Königen Gesetze erlassen, und von den Fürsten Drohungen, von den Richtern Strafen verfügt. Nicht etwa fürwahr, um das Böse hintanzuhalten? Wenn das Böse von Natur wäre, dann brauchte der Gesetzgeber keine Gesetze zu geben, kein Fürst Strafen gegen die Übeltäter zu verhängen. Weshalb sollten jene gestraft werden, die ohne ihren Willen böse sind? Solche Menschen muß man bemitleiden, aber nicht bestrafen.

Wenn das Weib eines solchen nun die Ehe bricht, dann darf man sie nicht Sünderin nennen, denn sie ist nicht freiwillig zum Bösen hingetrieben worden, sondern sie sah sich durch die Natur dazu gezwungen. Und wenn ihr Sohn zum Schwert greift und sich auf sie stürzt, so soll man ihn nicht beschuldigen. Denn er tat den Schritt nicht mit seinem Willen, sondern das Böse zieht ihn dazu. Und wenn jemand vom Nachbar und vom Freunde Feindseligkeiten erfährt, so soll er nicht auch Feindseligkeit dafür zeigen, sondern sie vielmehr noch bemitleiden. Denn nicht sie haben ihm Feindseligkeit zugefügt, sondern das Böse, welches gewaltsam sie leitet. Ähnlich ist es, wenn eine Tochter ihre Mutter schmäht, und die Schwiegertochter ihre Schwiegermutter und die Frau den Mann, der Sklave den Herrn, der Bruder den Bruder, da sollen jene, die geschmäht wurden, es nicht zu Herzen nehmen, sondern mit jenen Mitleid haben, weil sie eben vom Bösen vergewaltigt wurden.

Jedoch, wenn wir sehen, daß der König Strafe verlangt für seine Gesetze und durch die Einführung von Strafe das Böse vermindert; und daß der Richter den Dieb und Räuber fesselt und auf die Seite schafft, um den Schaden abzuwenden; und daß der Vater seinen mißratenen todeswürdigen Sohn den Richtern übergibt; und daß die andern alle insgesamt für die ihnen zugefügten Beleidigungen Strafe verlangen, entweder durch sie selbst oder durch die Obrigkeit, so ist es doch offenbar, daß das Böse, welches geschieht, freiwillig ist und nicht von Natur. Wohlan also, binde und schlage einen, der stark in Ausschweifungen versunken ist, und siehe, ob sich in [S. 55] ihm dann irgendwelche Erinnerung an die Ausschweifung überhaupt noch findet. Und wahrlich, nicht vergeblich hat der Weise den Ausspruch getan: Der Knecht, welcher nicht durch das Ohr hören will, den läßt man durch den Rücken hören.

Aber auch sonst vermögen wir zu erkennen, daß die Natur des Menschen das Verlangen nach dem Guten in sich trägt und nicht nach dem Bösen. Denn der Ehebrecher, welcher Ehebruch treibt, entrüstet sich, wenn ihn jemand einen Ehebrecher nennt, während er doch im Ehebruch begriffen ist; der Unkeusche, welcher offen Unkeuschheit treibt, will den Namen Unzucht nicht hören. In ähnlicher Weise wollen Diebe und Räuber und andere Übeltäter, obwohl sie in der Tat das Böse tun, doch den Namen ihrer Übeltat nicht tragen. Auch der Heuchler in seiner Vorstellung, der seinen Nächsten mit List in Schaden stürzen will, verbirgt seine Heuchelei, und gleich, als gäbe er einen guten Rat, stürzt er durch seine Verlockungen den Unschuldigen in Nachteil. Und würde er nicht den Schein des Guten verstellter Weise zur Schau tragen, so könnte er den des Rechtes Kundigen nicht hintergehen.

Auch wenn einer einen harten Fürsten zur Milde stimmen will, so darf er nicht offen vorgehen und sagen: du bist hart, sondern sucht zunächst ihn günstig zu stimmen mit den einnehmenden Worten: Du bist, o Herr, milde und wohltätig gegen alle; alle sind mit dir zufrieden, alle halten dich für rechtserfahren. Und so vermag er mit Gefälligkeit die Härte des Fürsten zu mildern, ihn weich zu machen und ihn zum Rechten und Billigen zu führen. So begegnet man auch dem Zornigen, dem Aufgeregten und Neidischen mit Sanftmut und begütigt ihn. Daraus ist klar, daß die Natur des Menschen das Verlangen nach dem Guten in sich hat und nicht nach dem Bösen.

Und wenn sie die Wildheit der wilden Tiere bestimmt, etwas von Natur Böses anzunehmen, so mögen sie wissen, daß ein Teil der Tiere für die Bedürfnisse (der Menschen) erschaffen ist, wie das Rind und das Schaf und alles, was eßbar und zum Lastentragen geeignet ist. Der andere Teil aber hat die Aufgabe, den Herzen der [S. 56] Menschen Furcht einzuflößen. Denn wenn die wilden Tiere schrecklich sind, und Drachen und Schlangen und andere schädliche Kriechtiere und der Mensch (trotzdem) so stolz ist, daß er die Grenzen der Gottesfurcht im Ungehorsam durchbricht, wie wenig würde er erst ohne diese Schreckmittel standhaft sein?

Jedoch auch jene Wesen, welche den Toren als böse erscheinen, werden oft Segenbringer und Lebensretter. Was wäre böser als die Schlange, und doch kommt von ihr das Theriak 1; hat die Hinterlist der Menschen tödliche Mittel zur Anwendung gebracht, da bringt es Heilung, wenn es kaum zur Verwendung gekommen ist. Wenn die Schlange von Natur aus böse wäre oder das Geschöpf eines bösen Wesens, dann könnte sich in ihr nichts Segenbringendes finden und niemals könnte sie durch Zähmung aus dem Zustand ihrer Wildheit erhoben werden. Nun sehen wir aber wahrlich, daß sie durch die Kunst der Zauberer gezähmt wird und ihnen wie ein Stück zum Spielzeug dient; oftmals wohnt sie sogar (bei ihnen) im Hause, ohne den Bewohnern zu schaden.

Und wenn nun irgendein Heide meinte, es gäbe etwas von Natur Böses, so würde er widerlegt werden von seinen Zunftgenossen, welche Schlangen anbeten. Diese verstehen die Schlangen so zu zähmen, daß sie dieselben mit Beschwörungen in die Häuser rufen und ihnen Nahrung vorsetzen, wie die Babylonier dem Drachen, welchen sie anbeteten. Und es tötete ihn der Liebling Gottes mit seiner gewohnten Speise.

Und wenn ein Magier die wilden Tiere als Geschöpfe des Bösen betrachtete wegen ihrer Wildheit, so würde er vom allgemeinen Urteil gerügt und zum Schweigen gezwungen. Denn wenn die wilden Tiere Geschöpfe des Bösen wären und die Erde das des Guten, wie könnte das Geschöpf des Guten für die Geschöpfe des Bösen zur Erzieherin und Nährerin werden? Vom Guten gewinnen sie ihre Nahrung und in ihrem Schoße ruhen sie. Denn zwei einander gegnerische Wesen zerstören [S. 57] einander, wie das Licht die Finsternis und die Wärme die Kälte.

Wenn also die wilden Tiere Geschöpfe des Bösen wären und die Erde das des Guten, dann müßte die Erde jene verschlingen und nicht ernähren, sie verwehen aber nicht säen. Wenn aber die Erde auch die wilden Tiere ernährt und sie nicht vernichtet, dann ist klar, daß die wilden Tiere vom gleichen Schöpfer erschaffen sind, dem auch die Erde ihr Sein verdankt, und daß es nichts gibt, was von Natur aus böse wäre.

Denn es gibt auch keinen seiner Natur nach bösen Schöpfer. Insbesondere zeigen ja die wilden Tiere, von denen sie behaupten, daß sie einem bösen Schöpfer ihr Sein verdanken, selbst, daß sie nirgends herstammen, als von der Erde. Sie tun es dadurch, daß sie von der Erde sich nähren, auf ihr wohnen und, wieder in sie zurückkehrend, zu Staub werden.

Wenn es böse Geschöpfe gäbe, hervorgegangen aus dem Bösen, dann könnte keines derselben nützlich sein, sondern sie wären durchaus schädlich. Nun sehen wir aber, daß die Haut einiger uns zum Schutzmittel unserer Nacktheit wird, das Fett einiger zum Heilmittel 2 und anderes an den Leibesteilen, wie vom Löwen und Bären und von jedem andern, je nach ihrer Beschaffenheit (ebenso). Daher ist es offenbar, daß sie von einem guten Schöpfer ins Dasein gerufen sind, weil an einem jeden unter ihnen etwas Nützliches sich finden läßt. Denn was (von Natur) böse ist, von dem ist durchaus alles schädlich, sowohl Haut als Fleisch. Wie wir uns jedoch mit der Haut dieser Tiere bekleiden, ohne daß sie uns schadet, so würde es auch nicht schaden, wenn einer sich das Herz nähme und von ihrem Fleische äße. So ist der Eber das wildeste aller Tiere, aber sein Fleisch wird gegessen und schadet nichts, so würde es auch bei jenen nicht schaden, wenn es jemand äße.

Vom Rinde sagen sie, es sei durch den guten Schöpfer erschaffen worden; und gerade am Rinde findet sich [S. 58] Schädliches. Das Fleisch des Stieres zu essen, dient dem Leib zur Nahrung, aber wenn jemand sein Blut tränke, würde er dahingerafft. In gleicher Weise gibt es unter den Kräutern etwas, was für sich selbst verderblich ist, aber in der Mischung mit anderen Kräutern, ein Heilmittel gegen viele Leiden ist. Ißt jemand reinen Alraun, so wirkt er tödlich; vermischt mit anderen Wurzeln, ist er ein Mittel gegen Schlaflosigkeit. Und wenn jemand in der heißen Jahreszeit Lattich ißt, so wirkt er als Kühlmittel der Hitze des Leibes entgegen; ißt ihn aber jemand in der kalten Jahreszeit, so wirkt er schädlich. Und wenn jemand das daraus ausgepreßte Wasser unvermischt trinkt, so kostet es ihn das Leben, trinkt man aber den zerriebenen Samen mit Wasser, so befreit er von der Begierlichkeit. So ist auch der Hanf eine Staude, deren Samen ein Heilmittel ist. Es stillt gleichfalls die Begierlichkeit. Den Schierling, welcher für sich allein zu bekannter Zeit tödlich ist, können die Ärzte gebrauchen, um veraltete Galle zu entfernen. Eine Art Wolfsmilch ist für sich allein tödlich, mit anderen Heilkräutern vermischt, ist sie ein Gallenheilmittel, das vom Tode rettet.

Indem sie bei diesen verquickten Dingen nicht recht sahen, meinten sie, es gäbe etwas von Natur aus Böses. Aber Gott hat die Menschen so vernünftig erschaffen, daß sie auch die heilenden Mittel zu gebrauchen vermögen und aus Dingen, die man als schädlich betrachtet, das Nützliche durch Kunstgriffe herausholen können, um die Art der Toren zurechtzuweisen (indem er zeigt), es gibt nichts, was von Natur böse ist.

Obgleich diese nicht an die göttlichen Gesetze glauben, so wollen wir doch die zu uns Gehörigen der richtigen Antwort nicht berauben.

1: Ein Mittel gegen Vergiftung, vgl. Hatschachapatum IV, Rede S. 25, Schmid S. 43.
2: Das armenische Wort kommt nur einmal vor in der Literatur, s. Schmid S. 59.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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