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Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Erstes Buch: Widerlegung der Irrlehre der Heiden.

12.

Nun stellen sie auch noch die Frage: Woher kannte die Schlange, die ihr Satan nennt, die Eigenschaften des Bösen, wenn noch nichts Böses vorhanden war? Wir antworten: Der Satan erkannte den Ungehorsam des Menschen gegen Gott als böse, deshalb ermunterte er ihn dazu. Es ist das dem Fall zu vergleichen, daß bei einer verborgenen Feindschaft der Feind heimlich zu schaden sucht, aber keine Gelegenheit dazu kennt und nun herumgeht, um die Mittel ausfindig zu machen; trifft er nun den Augenblick, wo einer von den Ärzten seinem Feind die Vorschrift gegeben hat, sich von etwas fern zu halten und eine Art von Speisen durchaus nicht zu essen, um so die Gesundheit zu erlangen, dann kann er wohl mit dieser Erfahrung rasch heuchlerisch die Rolle des Freundes spielen, den Arzt verstellterweise tadeln, ihm das Nützliche als Schädliches verführerisch hinstellen, den Anordnungen des Arztes entgegengesetzte Weisungen geben und so Schaden anrichten. Dieser hat nicht die Eigenschaften der Schädigung zuvor gekannt, sondern aus den Vorschriften des Arztes die Mittel gewonnen, Schaden zu stiften. So glaubt man, daß der Satan den ersten Menschen beneidet habe und (zugleich) die Beschaffenheit des Schädlichen nicht gekannt habe. Denn nicht, weil etwas Böses vorhanden war, aus dem er die Eigenschaften hätte [S. 48] entnehmen können, sondern weil er den Befehl Gottes kannte, der an die Menschen ergangen war, um sie abzuhalten, vom todbringenden Baume zu essen, daher legte er diese (Frucht) dem Menschen vor. Diese war nicht ungeeignet zur Nahrung des Menschen, noch von Natur eine todbringende Pflanze, so daß deshalb der Mensch abgehalten worden wäre, von ihr zu essen, sondern der Ungehorsam wurde für den Menschen die Ursache des Todes, wie für einen Verbrecher, welcher die Befehle seines Herrn übertritt, die ihm aufgetragen wurden.

Der Feind hat also den Menschen angereizt, das Gebot Gottes zu übertreten, nicht als hätte er sicher gewußt, daß er ihm dadurch Schaden zufügen kann, sondern im Ungewissen schwankend 1, ob es so sei oder nicht so sei; und nachher erkannte er aus der Strafe, welche den Menschen wegen Übertretung des Gebotes traf, daß seine Gebote ihm den Tod bewirkten, und daß er und der Mensch mit Recht der Strafe verfielen, der Mensch, den er zum Ungehorsam verleitet hatte, nämlich vom Baume zu essen, welcher nicht von Natur todbringend war, sondern kraft der Strafandrohung Gottes zur Ursache solchen Verhängnisses wurde.

Wir können den Arzt nicht beschuldigen, weil er seine Vorsichtsmaßregeln traf, nach denen der Mensch gesund werden sollte, wenn der letztere diese ärztlichen Vorschriften außer acht läßt und auf den Feind hört, der ihm einen verderblichen Rat gibt; hier ist die Ursache des Schadens nicht beim Arzt zu suchen, der zuvor die Vorsichtsmaßregeln für ihn traf, sondern beim Feind, der aus der Anordnung des Arztes die Möglichkeit zu seiner Schädigung gewann. So sagen wir auch vom Satan, daß er ein Feind des Menschen geworden war noch ehe er die Eigenschaften des Bösen kannte, aber von dem Gebot Gottes unterrichtet, wollte er dem Menschen schaden, (versuchend) ob er wohl die Strafe des Todes erlitte, wenn er ohne den Willen Gottes vom Baume äße. Denn hätte Gott nicht zuvor dem Menschen verboten, von der [S. 49] Nährfrucht des Baumes zu essen, und hätte der Mensch unwissend von ihr gekostet, so wäre die Strafe des Todes nicht über ihn gekommen. Hätte er gleichsam aus Unkenntnis oder 2 aus Unenthaltsamkeit von der Frucht des Baumes gegessen, so wäre er keiner Strafe verfallen. Denn auch ein Säugling, den nach einer anderen Speise gelüstet, ist nicht strafbar, sondern nur bedauernswert. Die Schlange selbst wurde auch mit Recht bestraft, weil sie sich einer grausamen Feindseligkeit gegen den Menschen ergab.

Und nun bezeichnen wir als den Anfang des Bösen den Neid, und zwar den Neid über die höhere Ehrung des Menschen durch Gott und (leiten) das Böse aus dem Ungehorsam her. Denn Gott hat den Menschen so sehr mit Vorzug geehrt, dieser aber mißachtete das Gebot im Ungehorsam. Daher wissen wir, daß alles, was böse ist, nicht von Natur böse ist, sondern weil Dinge ohne Gottes Willen gewirkt werden, deswegen werden sie böse.

Gemäß seiner geschöpflichen Herkunft von Gott wußte auch der Satan, daß Gott in irgend etwas nicht Gehorsam leisten böse ist und nicht gut. Denn er wurde nicht als ein unwissendes Wesen von Gott erschaffen, das nicht verstünde, wie alles, was nach Gottes Willen geschieht, gut, und was außerhalb des Willens Gottes geschieht, bös ist; und deshalb straft ihn Gott mit Recht, denn er kannte das Gute und tut es nicht, und weiß um das Böse und meidet es nicht. Nicht als böses Wesen und zur Hervorbringung des Bösen hat ihn Gott geschaffen; auch nicht als Versucher, um durch die Versuchung von seiner Seite die Gerechten auszuscheiden; auch wird er nicht aus sich selbst als böse erfunden und nicht als unerschaffen und als Widersacher Gottes; sondern als ein vernünftiges Geschöpf ist er von Gott erschaffen worden, und ausgestattet mit der Erkenntnis, daß es böse ist, sich dem Befehle Gottes zu widersetzen; und das, wovon er gewußt hat, daß es böse ist, hat er sich herausgenommen, nämlich den Ungehorsam. Der Ungehorsam gelangte nicht als etwas Substantielles im Vorauswissen zur Kenntnis des Satans, [S. 50] sondern als etwas, das aus der gelegentlichen Willkür des Wollenden hervorging.

Aber auch vom Menschen müssen wir sagen, daß er mit Recht die Strafe trägt für das, was er getan hat. Denn mit freiem Willen geht er ein auf die Erlernung solcher Dinge, von denen er, wenn er wollte, sich fernhalten könnte. Denn er hat die Fähigkeit, zu wollen und nicht zu wollen und mit dieser verbunden das Vermögen, auch zu tun, was er will.

1: Nahapetean a. a. O. S. 48 liest statt i thethuws: i therews (vielleicht) (Vd).
2: E. wiederholt hier: gleichsam.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger