Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)
Erstes Buch: Widerlegung der Irrlehre der Heiden.

11.

Werden nun, so sagt man weiter, die Menschen solche Regungen von sich aus haben, oder kommen sie von Gott, oder gibt es sonst jemand, der sie in die Menschen hineinbringt? Daß den Menschen dieses von Gott angetan würde, scheint man nicht mit Recht zu behaupten, wohl aber, daß der erste Mensch, der von Gott erschaffen wurde, die Gewalt über sich selbst und Freiheit hatte, und daß seine Nachkommen dieselben von ihm erben. Im Besitze der Gewalt über sich selbst nun, dient der Mensch, wem er will; das ist eine große von Gott ihm erteilte Gunst. Denn alle anderen Wesen müssen dem göttlichen Befehl dienen mit (natürlichem) Zwange. Betrachtest du den Himmel, er steht fest und bewegt sich nicht von dem einmal für ihn bestimmten Ort; und möchtest du die Sonne anführen, so vollendet auch sie den ihr zugewiesenen Lauf und vermag nicht, von ihrer Bahn abzuweichen, sondern, der Notwendigkeit unterworfen, dient sie nach göttlichem Befehle. In ähnlicher Weise sehen wir die Erde mit ihrer dichten Masse; geduldig trägt sie die Befehle ihres Gebieters. Und alle anderen Mitgeschöpfe sind so dienstbar den Befehlen des Schöpfers. Und sie vermögen nichts anderes zu tun, als das, wozu sie bestimmt sind. Daher loben wir sie nicht 1, daß sie die Grenzen ihres Auftrages einhalten.

Der Mensch aber, welcher die Gewalt über sich selbst erhalten hat, dient, wem er will, nicht zwangsweise der Nötigung der Natur unterworfen, nicht von der Kraft verlassen 2, die ihm für die Rechtschaffenheit verliehen, sondern allein vom Gehorsam gewinnt er Nutzen und vom Ungehorsam Schaden. Und wir behaupten, daß dies dem Menschen nicht zum Unheil dient, sondern zum Besten. Denn wenn er beschaffen wäre, wie irgendeines von den [S. 45] andern Geschöpfen, welche Gott gezwungen dienen, dann wäre er auch nicht würdig, für seine Willfährigkeit Lohn zu empfangen. Er wäre dann vielmehr nur wie ein Werkzeug des Schöpfers, das, ob es bald zum Guten dient, bald zum Schlimmen, weder Tadel noch Lob erntet, die Ursache jedoch läge bei dem, der sich seiner bedient. Ja, selbst des Guten wäre alsdann der Mensch nicht kundig, auch von keiner anderen Sache hätte er ein Verständnis, als nur von dem, wozu er ausgestattet ist. Gott wollte aber den Menschen zu solcher Ehre erheben, daß er ihm die Gewalt über sich selbst gab, damit er im Guten erfahren würde und so imstande wäre, zu tun, was er wollte. Und die Gewalt über sich selbst leitete er ihn an, zum Guten zu gebrauchen. Er macht es wie ein Vater. Dieser mahnt seinen Sohn, der in der Lage ist, einen Unterricht zu genießen, nicht lässig zu sein, und treibt ihn an, vorwärtszustreben zum Besseren. Weil er weiß, daß er imstande ist, voranzukommen, verlangt er von ihm auch das Wissen, welches ihm vorgelegt wurde. So müssen wir auch von Gott denken. Er ermuntert den Menschen, seinen Geboten zu folgen. Aber die Macht des freien Willens nimmt er ihm nicht, durch welche er in den Stand gesetzt ist, seinen Geboten zu gehorchen und nicht zu gehorchen. Er mahnt nur und ermuntert den Menschen, nach dem Guten zu trachten, dadurch würde er der großen Gaben Gottes würdig, wenn er Gott gehorchte, während er zugleich die Macht hätte, Gott nicht zu gehorchen. Denn nicht umsonst wollte Gott solche Gaben geben, der ewige Unvergänglichkeit ist 3. Umsonst aber würden sie einem solchen gegeben, der nicht die Macht hat, sich für beides zu entscheiden, das zu befolgen, was Gott wollte, oder das nicht zu befolgen, was er nicht billigte. Das ist vielmehr das Rechte, daß jemand nach dem, was er Würdiges getan hat, empfängt. Wie nun erschiene eine Wahl in den Werken, wenn der Mensch nicht die Fähigkeit zu beiden hätte, zu gehorchen und nicht zu gehorchen. Und so ist es also klar, daß der Mensch frei erschaffen wurde, um das [S. 46] Gute zu tun und auf das Böse zu verfallen. Nicht als ob etwas Böses vorhanden gewesen wäre, auf das er hätte verfallen sollen. Nur das stand vor ihm, entweder Gott zu gehorchen oder nicht zu gehorchen, und nur dies ist als Ursache des Bösen anzusehen. Denn nachdem der erste Mensch erschaffen war, erhielt er von Gott ein Gebot, und indem er den Gehorsam gegen das göttliche Gebot verweigerte, verfiel er in das Böse und von dort nahm das Böse seinen Anfang.

Daher kann niemand das Böse als etwas Unerschaffenes und Substantielles hinstellen. Und nicht vom Schöpfer wurde es eingeführt, sondern durch die Unbotmäßigkeit des Ungehorsamen und den Antrieb aus irgendeiner Belehrung. Denn auch den Menschen vermag niemand als von Natur so geschaffen hinzustellen. Wenn der Mensch eine solche Natur empfangen hätte, (so würde er nicht durch die Belehrung eines andern dem Ungehorsam verfallen sein), dann würde ihm auch nicht aus der Natur des Geschöpfes und aus der Heiligen Schrift die Belehrung zukommen 4. So sagt die Heilige Schrift an einem Orte, daß die Menschen von Jugend auf zu den Gedanken des Bösen geneigt sind, [Genesis 8, 21] um zu zeigen, daß die, welche dazu hinneigen, es freiwillig tun und nicht aus jemandes Zwang.

Also ist der Ungehorsam allein, mit welchem man sich beim Werke außerhalb des göttlichen Willens stellt, als die Ursache des Bösen anzusehen. Und für denselben ist ein anderer verborgener Lehrer anzunehmen, der dazu anregt, aber nicht zwingen kann, weil er den Menschen seiner Güter berauben wollte. Wenn sie sodann auch dafür den Grund suchen möchten, so werden sie im Neid, der gegen den Menschen sich regte, diese Ursache finden. Und wenn sie auch über den Ursprung des Neides eine sorgfältige Untersuchung 5 anstellen, so werden wir zur [S. 47] Antwort die bevorzugte Ehrung des Menschen geltend machen; denn der Mensch allein ist nach dem Bilde und Gleichnis Gottes geworden. Wollte man nun aber deswegen Gott als die Ursache des Bösen bezeichnen, so würde man unvernünftigen Gedanken nachgeben. Denn wenn, was dem Menschen ward, dem Neider genommen worden wäre, dann würde der Geber mit Recht für die Ursache des Bösen betrachtet. Aber da er letzeren bewahrt, wie er war, und es ihm gefiel, so den Menschen zu schaffen, so ist der Urhebende der Neidische. Wenn jemand zwei Sklaven hat und er den einen im Sklavenstand behält, den andern aber als seinen Sohn eintragen läßt, und der erstere über den zweiten herfällt und ihn tötet, dürfte man da wohl den Herrn für die Ursache des Bösen halten, weil er den einen nicht aus dem Sklavenstand befreite, dem anderen aber (die Freiheit) schenkte?

1: Das „nicht“ fehlt in einer Handschrift.
2: Schm. zurückgehalten.
3: Die Textüberlieferung ist nicht einig. Die Ausgabe S. hat: dessen Ende. Die Ausgabe V.: welcher. Dem Sinn entspricht nur die gegebene, mit S. sinngleiche Übersetzung.
4: Schmid übersetzt hier mit K.: Wenn der Mensch eine solche Natur erhalten hätte, dann würde ihm nicht durch jemandes Lehre der Ungehorsam zugestoßen sein, sondern von der Natur des Geschöpfes, und es würde ihm aus der Hl. Schrift die Lehre einfallen.
5: Norayr a. a. O. S. 28 ändert dschschdiwk in dschschdin (ěšdiwk in ěšdin).

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung. Die patrologische Literatur der Armenier Eznik von Kolb, Wider die Irrlehren
Bilder Vorlage

Navigation
Erstes Buch: Widerlegung ...
. . Mehr
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . Mehr
Zweites Buch: Widerlegung ...
Drittes Buch: Widerlegung ...
Viertes Buch: Widerlegung ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger