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Hieronymus († 420) - Auf den Tod Fabiolas; an Oceanus. (Epistula 77)

7.

In ähnlicher Absicht entschloß sie sich plötzlich gegen aller Erwarten zu einer Wallfahrt nach Jerusalem, wo sie von einer großen Volksmenge empfangen wurde und kurze Zeit unsere Gastfreundschaft genoß. Wenn ich mich an ihre Gesellschaft erinnere, so glaube ich noch, sie wie damals vor mir zu sehen. O guter Jesus, mit welchem Eifer und Fleiß widmete sie sich den göttlichen Büchern! Wie wenn sie ihren geistigen Hunger stillen wollte, eilte sie durch die Propheten, die Evangelien und die Psalmen. Dabei stellte sie Fragen und barg deren Lösung im Archiv ihrer Brust. Doch ihre Wißbegierde konnte nicht befriedigt werden. Je mehr ihre Kenntnis zunahm, desto größer wurde ihr Schmerz1 . Wie wenn man Öl in eine Flamme gießt, so suchte ihr Eifer immer neue Anregung. Als wir eines Tages das Buch Numeri, das vierte des Moses, zur Hand hatten, fragte sie mich bescheiden, was denn eine solche Häufung von Namen zu bedeuten hätte, warum die einzelnen Stämme an verschiedenen Stellen in verschiedener Weise miteinander verbunden wären, wie der Wahrsager Balaam die zukünftigen Geheimnisse Christi so vorher verkünden konnte2 , daß beinahe keiner der Propheten gleich offen über ihn geweissagt habe. Ich gab ihr Antwort, so gut ich konnte, und es schien, als ob ich auf ihre Frage eine befriedigende Lösung geboten hätte. Sie blätterte weiter in dem Buche und kam zu der Stelle, welche ein Verzeichnis aller Lagerstätten enthält, an welchen das Volk nach seinem Auszuge aus Ägypten bis zu seiner Ankunft am Jordan haltgemacht hatte3 . Als sie nach der Ursache und der Bedeutung der einzelnen fragte, zögerte ich hie und da, bei anderen ging es ohne Anstoß voran, bei den meisten mußte ich rundweg meine Unkenntnis gestehen. Da fing sie immer mehr an zu drängen und mich auszufragen, als ob ich auch wissen müßte, was ich nicht wußte. Dabei hielt sie sich selbst für unwürdig, in so tiefe Geheimnisse einzudringen. Und welches war das Ende? Sie erpreßte mir das Versprechen — mich zu weigern, verbot mir die Ehrfurcht —, für sie in einem eigenen Werke eine kleine Abhandlung über diesen Gegenstand abzufassen. Wie ich sehe, habe ich dies bis heute nach Gottes Willen verschoben; doch soll die Schrift ihrem Gedächtnis gewidmet werden, damit sie, bekleidet mit den priesterlichen Gewändern eines früher an sie gerichteten Buches, sich darüber freuen möge, daß sie durch die Einöde dieser Welt endlich ins Land der Verheißung gelangt ist4 .

1: Eccli. 1, 18.
2: Num. 23 f.
3: Num. 33.
4: Diese Schrift liegt vor in der epist. 78; zugleich weist Hieronymus hin auf seine Abhandlung über die hohenpriesterlichen Kleider [epist 64].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger