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Hieronymus († 420) - Auf den Tod Fabiolas; an Oceanus. (Epistula 77)

6.

Lange habe ich mich mit ihrer Buße aufgehalten, bei welcher ich wie in einer Untiefe festgefahren bin, damit die Bahn für ihr Lob um so freier werde und sich jedes Hindernisses bar vor uns auf tue. Angesichts der ganzen Kirche wurde ihr die Wiederaufnahme zuteil, und was tat sie dann? Hat sie am glücklichen Tage das Böse vergessen?1 Wollte sie nach dem Schiffbruch noch einmal von neuem die Gefahren der Schifffahrt kosten? Ihr ganzes Besitztum, über das sie zu verfügen hatte — es war ihrer Herkunft entsprechend sehr groß — bot sie um billiges Geld zum Verkauf aus. Nachdem sie es veräußert hatte, bestimmte sie den Erlös für die Armen. Zuerst errichtete sie ein Krankenhaus, in welches die Kranken von der Straße aufgenommen werden sollten. Dort wurden dann die von Schwäche und Hunger erschöpften Glieder der Unglücklichen wieder gestärkt. Soll ich nun das mannigfache Elend der Menschen aufzählen, die verstümmelten Nasen, die ausgestochenen Augen, die halbbrandigen Füße, die abgestorbenen Hände, die wassersüchtigen Leiber, die kraftlosen Hüften, die geschwollenen Beine und das Leid jener, deren angefressenes und faulendes Fleisch von Maden strotzte? Wie viele, die mit ekelerregendem Aussatze behaftet waren, trug sie selbst auf ihren Schultern? Wie oft hat sie nicht die eiternden Wunden, welche andere nicht einmal ansehen konnten, ausgewaschen? Mit eigener Hand reichte sie die Speisen dar und flößte den noch atmenden Leichnamen Suppe ein. Ich weiß wohl, daß viele reiche und gottesfürchtige Leute wegen der aus Magenschwäche entstehenden Übelkeit durch andere solche Dienstleistungen verrichten lassen und mildtätig sind mit ihrem Geld, ohne selbst Hand anzulegen. Ich tadle sie deshalb keineswegs, und ihre Verzärtelung deute ich durchaus nicht als Untreue. Aber wie ich der Magenschwäche Rechnung trage, so erhebe ich auch den Eifer einer vollkommenen Seele bis in den höchsten Himmel. Ein großer Glaube überwindet diese Dinge. Er weiß, daß der in Purpur gekleidete Reiche dem Lazarus keinen Dienst erwiesen hat; er weiß aber auch, zu welcher Strafe sein stolzer Sinn verurteilt worden ist2 . Jener, von dem wir uns abwenden, den wir nicht ansehen können, dessen Anblick uns zum Erbrechen reizt, ist unseresgleichen, er ist aus demselben Lehm gebildet, er ist aus denselben Bestandteilen zusammengesetzt wie wir. Was er leidet, können auch wir leiden müssen. Seine Wunden wollen wir wie eigene ansehen, und jede Herzenshärte anderen gegenüber wird durch einen mitleidigen Gedanken an uns selbst gebrochen werden.
"Hätt ich der Zungen und Sprachen tausend und eherne Stimme,
Nicht vermöcht' ich zu nennen die Namen dir aller Gebrechen"3 ,
welche Fabiola in solche Erquickung für die Elenden umwandelte, daß selbst viele gesunde Arme die Kranken beneideten. Trotzdem war ihre Freigebigkeit gegen Kleriker, Mönche und Jungfrauen nicht minder groß. Welches Kloster ist nicht durch ihre Unterstützung unterhalten worden? Welchen Nackten und Kranken haben nicht Fabiolas Kleider bedeckt? An wem offenbarte sie nicht sofort und schleunigst ihre Bereitwilligkeit, wenn er ihrer bedurfte? Rom war ihrer Barmherzigkeit noch zu eng. Sie durchzog die Inseln, das ganze tyrrhenische Meer, das Gebiet der Volsker und die verborgenen Buchten der zerklüfteten Meeresufer, in denen Niederlassungen von Mönchen bestehen, wo sie überall entweder eigenhändig oder durch fromme und zuverlässige Männer reichliche Gaben spendete.

1: Eccli. 11, 27.
2: Luk. 16, 19-25.
3: Verg. Aen. VI, 625 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger