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Hieronymus († 420)
Über den Tod Paulinas; an Pammachius
(Epistula 66)

1.

Ist eine Wunde geheilt, und will der Arzt der darübergezogenen Haut die natürliche Farbe zurückgeben, dann muß er, während er doch nur die Wiederherstellung der körperlichen Schönheit bezweckt, von neuem zu einem schmerzhaften Eingriff schreiten. So fürchte auch ich als verspäteter Tröster, nachdem ich unpassender Weise zwei Jahre lang geschwiegen, zu ungelegener Zeit das Wort zu ergreifen. Ich fürchte, an die Wunde deines Herzens, welche Zeit und Ergebung geheilt haben, zu rühren und sie durch die Erinnerung von neuem aufzureißen. Wessen Ohren sind so hart, wessen Herz ist aus Stein gehauen und mit der Milch hyrkanischer Tiger1 genährt, daß er, ohne Tränen zu vergießen, den Namen deiner Paulina vernehmen könnte? Wer möchte gleichgültigen Blickes zusehen, wie die sich öffnende Rose und der in der Knospe verschlossene Blumenkelch, bevor er sich zum Blütenkranz entwickelt und die ganze Fülle der roten Blätter entfaltet, zur Unzeit geknickt wird und dahinwelken muß? Zerbrochen ist die so kostbare Perle, der grünfunkelnde Smaragd ist zertreten. Was für ein großes Gut die Gesundheit ist, zeigt erst die Krankheit. Wir empfinden viel mehr, was uns eine Sache galt, wenn wir aufgehört haben, sie zu besitzen.

1: Hyrkania war eine waldreiche Landschaft in Asien, südlich vom Kaspischen Meer, die berüchtigt war als Schlupfwinkel vieler wilden Tiere. Vgl. Verg. Aen. IV, 367.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger