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Hieronymus († 420) - Über den Tod Paulinas; an Pammachius (Epistula 66)

8.

"Willst du vollkommen sein", heißt es, "so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es dea Armen! Dann komme und folge mir nach!"1 Willst du vollkommen sein? Immer werden die erhabenen Dinge der freien Entscheidung der Zuhörer überlassen. Deshalb befiehlt auch der Apostel die Jungfräulichkeit nicht, weil der Herr in seiner Rede von den Verschnittenen, die sich um des Himmelreiches willen verschnitten haben, zuletzt sagt: "Wer es fassen kann, der fasse es"2 . Denn es liegt nicht am Wollen oder Laufen, sondern am Erbarmen Gottes3 . Willst du vollkommen sein? Es wird dir keine Pflicht auferlegt, sondern der freie Wille soll sich die Belohnung erringen. Wenn du also vollkommen sein willst und so zu werden wünschest wie die Propheten, die Apostel und Christus, dann verkaufe alles, was du hast, nicht bloß einen Teil deines Besitztumes. Denn wenn die Furcht vor Not dir Veranlassung zur Untreue gäbe, dann könntest du auch mit Ananias und Saphira zugrunde gehen4 . Und wenn du es verkauft hast, dann gib es den Armen, nicht den Reichen und Hoffärtigen. Gib, damit der Not gesteuert wird, nicht damit Schätze aufgehäuft werden. Wenn du weiterhin die Worte des Apostels liesest: "Einem dreschenden Ochsen sollst du das Maul nicht verbinden"5 , "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert"6 , "Wer dem Altare dient, soll auch vom Altare leben"7 , dann denke ebenfalls an den anderen Ausspruch: "Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir damit zufrieden sein"8 . Wo du Schüsseln dampfen siehst und Fasane in langsamem Feuer zubereitet werden, wo du schwere Silbergeräte, feurige Kutschpferde, fein frisierte Diener, kostbare Kleider, gemalte Tapeten bemerkst, wo der Empfänger reicher ist als der Geber, da wäre es ein halbes Sakrileg, das Gut der Armen solchen auszuteilen, die nicht arm sind. Aber es genügt noch nicht für einen vollendeten und vollkommenen Mann, Schätze zu verachten, Geld wegzugeben und wegzuwerfen, das in einem Augenblick verloren und gewonnen werden kann. Dies hat auch der Thebaner Crates9 , dies hat Antisthenes10 , dies haben sehr viele getan, von denen wir wissen, daß sie überaus lasterhaft gewesen sind. Der Anhänger Christi muß mehr leisten als der Weltmensch. Der Philosoph ist ein ruhmsüchtiges Wesen, der feile Sklave der Volksgunst und der Volksmeinung. Für dich genügt es nicht, Reichtümer zu verachten, wenn du nicht Christo nachfolgst. Der aber folgt Christo nach, welcher die Sünde meidet und die Tugend zum Begleiter hat. Christus ist, wie wir wissen, die Weisheit. Dieser Schatz wird gehoben aus dem Acker der Heiligen Schriften; diesen Edelstein kann man nur für viele Perlen erkaufen. Wenn du aber ein gefangenes Weib, nämlich die weltliche Wissenschaft, lieb gewonnen hast und durch ihre Schönheit bestrickt worden bist, dann schere sie kahl und schneide ihre Haarlocken und den Schmuck der Beredsamkeit samt ihren abgestorbenen Fingernägeln ab11 . Wasche sie in der Lauge des Propheten12 , und dann kannst du bei ihr ruhen und sagen: "Ihre Linke ist unter meinem Haupte, und mit ihrer Rechten umarmt sie mich"13 . Und die Gefangene wird dir viele Kinder gebären, und aus der Moabitin wird eine Israelitin werden14 . Christus ist die Heiligung, ohne welche niemand das Angesicht Gottes schauen wird. Christus ist die Erlösung, Erlöser und Kaufpreis; Christus ist alles, so daß jener, welcher alles um Christi willen verlassen hat, ihn allein für alles wiederfindet und freimütig ausrufen kann: "Mein Anteil ist Gott"15 .

1: Matth. 19. 21.
2: Matth. 19, 12.
3: Röm. 19, 16.
4: Apg. 5.
5: 1 Kor. 9, 9; 1 Tim. 5, 18.
6: Tim. 5. 18.
7: 1 Kor. 9, 13.
8: 1 Tim. 6, 8.
9: Ein griechischer Kyniker und Schüler des Diogenes.
10: Antisthenes, ein Schüler und Freund des Sokrates, war Begründer der Schule der Kyniker in Athen.
11: Deut. 21, 11 ff.
12: Jer. 2, 22.
13: Hohel. 2, 6.
14: Ruth 1, 16
15: Ps. 72, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger