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Hieronymus († 420) - Über den Tod Paulinas; an Pammachius (Epistula 66)

5.

Die glänzenden Edelsteine, mit denen sie früher Hals und Gesicht zierte, sättigen jetzt die Leiber der Armen. Die seidenen Gewänder und der Goldbrokat sind in weiche Wollkleider verwandelt worden, die vor Kälte schützen, aber nicht mehr den Hochmut verhüllen. Das Hausgerät, das einst dem Vergnügen diente, steht jetzt im Solde der Tugend. Jener Blinde, der seine Hand ausstreckt und oft dort jammert, wo sich niemand aufhält, ist jetzt Paulinas Erbe und Miterbe des Pammachius. Jenen Krüppel, der seine Füße nicht mehr gebrauchen kann und sich mit der ganzen Körperlast dahinschleppt, unterstützt die zarte Hand eines Mädchens. Die Türen, zu welchen früher die Besucher scharenweise hereinströmten1 , werden jetzt von Armen belagert. Der eine, von Wassersucht aufgeschwollen, sieht dem Tode entgegen, ein anderer ist sprachlos und stumm, und weil er keine Zunge besitzt, womit er bitten kann, wirkt seine Bitte nur um so flehentlicher. Ein weiterer ist von Kindheit an gebrechlich und bettelt nicht für sich die Gabe. Ein vierter ist infolge des Aussatzes in Fäulnis übergegangen und überlebt sozusagen seinen Leichnam.
"Hätt' ich der Zungen und Sprachen auch tausend, und eherne Stimme,
Nicht vermocht ich zu nennen die Namen dir aller Gebrechen"2 .
Von einem solchen Gefolge begleitet, schreitet er einher, in ihnen erquickt er Christus, durch ihren Schmutz wird er gereinigt. So eilt der zum Himmel, der die Armen beschenkt und um die Gunst der Dürftigen anhält. Andere Ehemänner streuen auf die Gräber ihrer Gattinnen Veilchen, Rosen, Lilien und purpurfarbene Blumen und suchen durch solche Liebesdienste ihren Seelenschmerz zu lindern. Unser Pammachius befruchtet die heiligen Überreste und die ehrwürdigen Gebeine mit dem Balsam des Almosens. Mit solchen Salben und Wohlgerüchen erquickt er die ruhende Asche und denkt dabei an die Schriftstelle: "Wie das Wasser das Feuer löscht, so löscht das Almosen die Sünden"3 . Was für eine Tugendkraft dem Mitleid innewohnt und wie groß sein Lohn ist, das schildert der hl. Cyprian in einem umfangreichen Buche4 . Auch Daniels Rat billigt diesen Glauben; denn er weiß, daß der gottlose König, wenn er auf ihn hätte hören wollen, durch die Unterstützung der Armen gerettet werden mußte5 . Über einen solchen Erben ihrer Tochter freut sich die Mutter. Es bereitet ihr keinen Schmerz, daß der Reichtum an einen andern gekommen ist; denn sie sieht, daß er ihrem Wunsch gemäß ausgeteilt wird. Ja, sie kann sich Glück wünschen, weil ohne ihr Zutun ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Es liegt keine Verminderung ihres Vermögens vor, sondern nur ein Tausch in der Arbeitsleistung.

1: Verg. Georgica II, 462.
2: Verg. Aen. VI, 625 ff.
3: Eccli. 3, 33.
4: Cyprian, De opere et eleemosynis.
5: Dan. 4, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger