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Hieronymus († 420) - Über den Tod Paulinas; an Pammachius (Epistula 66)

3.

Machen wir einen kleinen Abstecher in das Gebiet der Philosophie! Vier Tugenden nennen die Stoiker, die so ineinandergreifen und gegenseitig zusammenhängen, daß demjenigen, der einer einzigen ermangelt, alle abgehen. Es sind die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Starkmut und die Mäßigung. Jedes von euch besitzt sie alle, doch so, daß ihr insgesamt durch eine einzelne besonders hervorragt. An dir preist man die Klugheit, an der Mutter die Gerechtigkeit, an der Jungfrau die Starkmut, an der Gattin die Mäßigung. Wer ist aber weiser als jener, welcher die Torheit der Welt verachtet und Christo, der Kraft und Weisheit Gottes, nachfolgt? Wer ist gerechter als die Mutter, welche ihr Vermögen unter die Kinder austeilt und sie durch Geringschätzung des Reichtums darüber belehrt, was Gegenstand ihrer Liebe sein soll? Wer ist stärker als Eustochium, welche die Tore des Adelsstandes und die stolzen Ansprüche eines konsularischen Geschlechtes durch das Gelübde der Jungfräulichkeit durchbrochen und in der ersten Stadt die ersie Familie unter das Joch der Keuschheit gebeugt hat? Wer ist maßvoller als Paulina, welche, bestärkt durch das Wort des Apostels: "Die Ehe sei ehrbar und das Ehebett unbefleckt"1 , weder das Glück der Schwester noch die Enthaltsamkeit der Mutter zu erstreben wagte, sondern lieber sicher in den Niederungen wandeln, als unsicheren Schrittes auf den Höhen schwanken wollte? Trotzdem dachte sie, nachdem sie einmal den Ehebund eingegangen war, Tag und Nacht an nichts anderes als daran, wie sie nach der Geburt von Kindern den zweiten Grad der Keuschheit erreichen könne. Zwar nur ein schwaches Weib, doch zu hohen Taten begeisternd2 , suchte sie auch ihren Gatten ihrem Vorhaben gefügig zu machen; denn sie wollte den Gefährten ihres Heiles nicht im Stiche lassen, sondern rechnete auf seine Nachfolge. Trotz wiederholter Fehlgeburten verzweifelte sie bei neueingetretener Fruchtbarkeit nicht am Kindersegen. Mit Rücksicht auf den heißen Wunsch ihrer Schwiegermutter und die Traurigkeit ihres Gatten achtete sie ihrer eigenen Schwäche nicht, duldete sie in etwa mit ihrem Vorbilde Rachel. Doch anstatt eines Sohnes der Schmerzen und der Rechten3 gebar sie ihren Mann als Erben ihres eigenen Wunsches. Aus zuverlässiger Quelle habe ich erfahren, daß sie nicht dem ersten Ausspruch Gottes: "Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde"4 , nicht den ehelichen Pflichten dienstbar sein wollte. Vielmehr hat sie nur in der Absicht, für Christus Jungfrauen zu gebären, sich Kinder gewünscht.

1: Hebr. 13, 4.
2: Verg. Aen. I, 364.
3: Gen. 35, 18.
4: Gen. 1, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger