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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

9.

Ich will mich kurz fassen. Links ließ sie die Grabstätte der Königin Helena1 von Adiabene liegen, welche in einer Hungersnot das Volk mit Getreide unterstützt hatte, und hielt ihren Einzug in Jerusalem, der Stadt mit den drei Namen Jebus, Salem und Jerusalem, die Aelius Hadrianus später aus Schutt und Asche als Stadt Aelia wieder erbaut hat2 . Der Prokonsul von Palästina, der ihre Familie sehr gut kannte, schickte ihr Diener entgegen und ließ für sie im Prätorium eine Wohnung herrichten; doch sie wählte sich lieber eine bescheidene Zelle. Alle heiligen Stätten besuchte sie der Reihe nach mit solch inbrünstigem Eifer, daß sie sich von den ersten nicht hätte wegbringen lassen, wenn sie nicht auch zu den übrigen hätte eilen wollen. Vor dem Kreuze warf sie sich nieder und betete es an, gerade als ob sie den Herrn an demselben hängen sähe. Sie ging in das Auferstehungsgrab und küßte den Stein, welchen der Engel vom Eingange desselben hinweggewälzt hatte3 . Und mit ihren frommen Lippen berührte sie, wie ein Durstiger das heißersehnte Wasser, den Ort, an dem der Leichnam des Herrn gelegen hatte. Ganz Jerusalem und der Herr selbst, den sie anflehte, weiß, wie viele Tränen und Seufzer sie dort vergossen, welchen Schmerz sie dort erduldet hat. Dann ging es hinauf nach Sion, welches Wort mit Burg oder Warte übersetzt wird. Diese Stadt hatte einst David nach ihrer Eroberung wieder aufgebaut. Von der eroberten Stadt sagt die Schrift: "Wehe dir, Stadt Ariels4 , von David trotz deiner einstigen Stärke erobert"5 . Von der wiedererbauten Stadt aber gelten die Worte: "Ihre Grundlagen sind auf den heiligen Bergen; der Herr liebt die Tore Sions mehr als alle Zelte Jakobs"6 . Freilich sind nicht jene Tore gemeint, welche wir heute zertrümmert in Staub und Asche sehen, sondern jene Tore, gegen welche die Hölle keine Gewalt hat, und durch welche jene, die an Christus glauben, in großer Zahl hindurchgehen. Dort zeigte man auch die mit dem Blute des Herrn bespritzte Säule, an welche man ihn zur Geißelung angebunden haben soll; jetzt stützt sie die Halle einer Kirche. Paula bekam auch die Stelle zu sehen, an welcher der Heilige Geist auf hundertzwanzig Gläubige herabgestiegen war, um die Weissagung Joels zu erfüllen7 .

1: Adiabene war eine Landschaft Assyriens. Helena, Königin von Adiabene, und Izates, ihr Sohn, wurden von Monabazus, seinem Bruder, drei Stadien von Jerusalem in den Pyramiden, welche ersterer gebaut hatte, begraben.
2: Nach der letzten jüdischen Erhebung unter Bar Kochba ward Jerusalem von Aelius Hadrianus neu aufgebaut und hieß Aelia Capitolina.
3: Cyrll von Jerusalem [13. Kat.] bezeugt, daß derselbe noch bis zu seiner Zeit im Grabe lag.
4: d.h. Löwe Gottes
5: Is. 29, 1.
6: Ps. 86, 2.
7: Apg. 2, 16; Joel 2, 28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger