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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

28.

Doch wozu halte ich mich solange auf und mache meinen Schmerz, je länger ich dabei verweile, nur um so größer? Die verständige Frau fühlte, daß der Tod nahe war. Die eine Seite des Körpers samt den Gliedern war schon kalt. Nur ein schwacher Lebensfunken zitterte noch in ihrer heiligen Brust. Nichtsdestoweniger flüsterte sie, als wollte sie zu den Ihrigen gehen und Fremde verlassen, die Verse: "O Herr, ich liebe die Zierde Deines Hauses und die Wohnung Deiner Herrlichkeit"1 . "Wie lieblich sind Deine Zelte o Herr der Heerscharen; es verlangt und schmachtet meine Seele nach den Vorhöfen des Herrn"2 . "Ich will lieber verachtet sein im Hause meines Gottes, als wohnen in den Zelten der Sünder"3 . Als ich sie fragte, warum sie schweige, warum sie auf meinen Anruf nicht erwidere, ob ihr etwas fehle, gab sie in griechischer Sprache zur Antwort, sie habe keine Beschwerden, sondern vor ihrem Blicke sei alles ruhig und friedlich. Dann verstummte sie und schloß die Augen gleichsam zum Zeichen, daß sie das Menschliche verachte. Bis sie ihre Seele aushauchte, wiederholte sie die genannten Verse, doch so, daß wir kaum hören konnten, was sie sprach. Den Finger brachte sie an den Mund und beschrieb auf ihren Lippen das Kreuzzeichen. Der Atem versagte und Todesröcheln stellte sich ein. Im Begriffe hinzuscheiden wandelte sie das Röcheln, womit das Leben des Sterblichen endigt, zum Lobe Gottes um. Zugegen waren die Bischöfe von Jerusalem und aus anderen Städten sowie eine große Anzahl einfacher Priester und Diakone. Das ganze Kloster hatte sich mit Scharen von Jungfrauen und Mönchen angefüllt. Sofort als sie den Bräutigam rufen hörte: "Stehe auf und komme, meine Freundin, meine Holde, meine Taube; denn siehe, vorübergezogen ist der Winter, aufgehört hat der Regen"4 , da erwiderte sie freudig: "Blumen sah man auf der Erde, es ist die Zeit gekommen, sie abzuschneiden5 . Ich hoffe zu genießen das Glück des Herrn im Lande der Lebenden"6 .

1: Ps. 25, 8.
2: Ps. 83, 1 f.
3: Ps. 83, 11.
4: Hohel. 2, 12.
5: Hohel. 2, 12.
6: Ps. 26, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger