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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

27.

Doch warum zögere ich bange, zu ihrem Tode zu kommen? Die Schrift wird immer umfangreicher, da ich mich scheue, zum letzten überzugehen, gleich als ob ich, wenn ich schweige und ihr Lob weiter ausführe, den Tod hinausschieben könnte. Bisher bin ich mit günstigen Winden gesegelt und der dahingleitende Kiel hat die sich kräuselnden Meereswogen durchfurcht. Jetzt aber gerät meine Rede auf Klippen, und da die Wogen sich berghoch auftürmen, droht zurzeit beiden Klöstern Schiffbruch, so daß wir gezwungen werden auszurufen: "Herr, hilf uns, sonst gehen wir zugrunde"1 . "Stehe auf! warum schläfst Du, o Herr?"2 Wer könnte trockenen Auges über Paulas Tod berichten? Sie fiel in eine schwere Krankheit oder richtiger, sie sah ihren Wunsch, uns zu verlassen und inniger mit Christus vereinigt zu werden, erfüllt. In dieser Krankheit konnte die stets bewährte Liebe ihrer Tochter Eustochium gegen die Mutter immer mehr von allen wahrgenommen werden. Sie saß selbst am Bette, hielt den Fächer, stützte das Haupt, legte das Kissen unter, rieb die Füße, wärmte mit der Hand den Magen, richtete das Bett weich her, ließ das heiße Wasser lau werden, legte das Brot zurecht3 , kurz, sie kam allen Dienstleistungen der Mägde zuvor und glaubte, es sei eine Schmälerung ihres Verdienstes, wenn jemand anders etwas besorgt hätte. Wer zählt ihre Gebete, ihre Seufzer, ihre Tränen, als sie hin- und herlief zwischen dem Krankenbett und der Geburtshöhle des Herrn, daß sie doch nicht einer so guten Zeltgenossin beraubt würde, daß sie nicht ohne jene am Leben bliebe, daß sie auf derselben Bahre hinausgetragen werden möchte. Ach, wie vergänglich und hinfällig ist die Natur der Sterblichen! Unser Los wäre dasselbe wie das der Tiere, wenn nicht der Glaube an Christus unsern Blick nach oben richtete und unserer Seele ein ewiges Dasein versprochen wäre. Der Tod ist derselbe für alle, für den Gerechten wie für den Ungerechten, für den Guten wie für den Bösen, für den Reinen wie für den Unreinen, für den, der sich opfert, wie für den, der sich nicht opfert. Es stirbt der Gute, es stirbt der Sünder, der Meineidige wie der, welcher den Meineid fürchtet. In gleicher Weise lösen sich Mensch und Tier zu Staub und Asche auf.

1: Matth. 8, 25.
2: Ps. 48, 23.
3: Mamphula ist eine Art syrischen Brotes. Vallarsi entschied sich für die Lesart mappula.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger