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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

24.

Antworte auch auf folgende Frage: "Wie erklärst du die Tatsache, daß Thomas die Hände des auferstandenen Herrn berührt und seine von der Lanze durchbohrte Seite gesehen hat?1 Ferner daß Petrus den Herrn am Ufer stehen und eine Honigscheibe sowie ein Stück gebratenen Fisches essen sah?"2 Wer stand, hatte doch sicherlich Füße. Wer eine verwundete Seite vorzeigen konnte, mußte auch einen Bauch und eine Brust besitzen. Denn ohne diese sind keine Seiten möglich, welche sich ja an den Bauch und an die Brust anschließen. Wer gesprochen hat, sprach mit der Zunge, mit dem Gaumen und mit den Zähnen. Denn wie das Stäbchen die Saiten schlägt, so schlägt auch die Zunge an die Zähne und bringt einen vernehmbaren Laut hervor. Wenn man seine Hände berühren konnte, mußte er notwendigerweise auch Arme haben. Da er also alle Glieder besaß, so mußte er auch einen ganzen Körper sein eigen nennen; denn dieser ist aus den Gliedern zusammengesetzt, und zwar keinen weiblichen, sondern einen männlichen, d.h. einen von demselben Geschlechte, in welchem er gestorben war. Du wirst vielleicht entgegenhalten: "Also werden auch wir nach der Auferstehung essen? Und wie konnte er bei verschlossenen Türen Eingang finden ganz gegen die Natur dichter und fester Körper?" Höre die Antwort: Wolle nicht wegen der Speise den Glauben an die Auferstehung lächerlich machen. Denn der Herr ließ auch der Tochter des Synagogenvorstehers nach ihrer Auferweckung Speisen reichen3 . Von Lazarus, der bereits vier Tage tot war, berichtet die Schrift, daß der Herr mit ihm eine Mahlzeit eingenommen habe4 . Man sollte beider Auferstehung nicht etwa für eine Geistererscheinung halten. Daß der Herr bei verschlossenen Türen Eingang gefunden hat, wirst du vielleicht als Stütze für die Annahme eines vergeistigten und luftigen Körpers vorbringen. Nun, dann hat er auch vor seinem Leiden einen vergeistigten Körper gehabt, weil er entgegen dem Gesetze der Schwerkraft über das Meer wandelte. Dann muß man auch annehmen, daß der Apostel Petrus, der ebenfalls schwebenden Schrittes über das Wasser einherging, einen vergeistigten Körper gehabt hat, während doch nur die Macht und Kraft Gottes sich offenbart, wenn etwas gegen die Natur geschieht. Und damit du wissest, daß trotz der Größe der Wunder die Natur nicht geändert, wohl aber Gottes Allmacht offenbar wird, so merke dir: Der, so lange er glaubte, sicher wandelte, fing durch den Unglauben an unterzugehen, wenn ihn nicht die Hand des Herrn emporgehoben hätte, als er zu ihm sprach: "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?"5 Ich muß mich wundern, daß du noch solche Hartnäckigkeit an den Tag legst, wo der Herr sagt: "Lege deine Finger hierhin und berühre meine Hände. Strecke deine Hand aus, lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig"6 . Und anderwärts spricht er: "Sehet meine Hände und meine Füße, ich selbst bin es. Fühlet und sehet, denn ein Geist hat weder Fleisch noch Bein, wie ihr sehet, daß ich habe!" Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße7 . Du hörst reden von Knochen, von Fleisch, von Füßen und Händen, und du willst mir etwas von Sphärenkreisen der Stoiker und von gewissen luftigen Phantastereien vormachen?8

1: Joh. 20, 27.
2: Luk, 24, 42.
3: Mark. 5, 43.
4: Joh. 12, 2.
5: Matth. 14, 25—31.
6: Joh. 20, 27.
7: Luk. 24, 39 f.
8: Die alten Philosophen dachten sich den Wohnort der verstorbenen Auserwählten in den Sphärenkreisen des Himmelsgewölbes oder der Sterne und den Zustand ihrer Seelen als ein gewisses Traumleben im Luftäther des Himmelsgewölbes und der Sternenkreise. Cicero, Tusc. disp. I, 18 f. Tertullian, De anima c. 55: in aethere dormitio nostra cum Platone, aut circa lunam cum endymionibus Stoicorum? Vgl. auch c. 64; Hieron, in ep. ad Eph. 4, 10, wo es von der Himmelfahrt des Herrn heißt: Numquid corporaliter omnes coelos et universas sublimitates et coelorum circulos, quos philosophi sphaeras vocant, transiens et transcondens stetit in summo coeli fornice et, ut ipso verbo utar, apside.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger