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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

23.

Ich will noch kurz berühren, wie sie die schmutzigen Zisternen der Häretiker, welche sie mit den Heiden auf gleiche Stufe stellte, gemieden hat. Irgend ein Schlaukopf, der sich selbst gelehrt und wissend vorkam, fing an, ihr ohne mein Vorwissen folgende Fragen vorzulegen: "Worin hat denn ein Kind gesündigt, daß der Teufel über es Gewalt gewinnen kann? In welchem Alter werden wir auferstehen? In demselben, in welchem wir sterben? Dann werden wir nach der Auferstehung auch Ammen nötig haben. In einem andern? Dann kann man auch nicht mehr von einer Auferstehung der Toten, sondern nur von einer Umwandlung in andere Wesen reden. Wird auch der Unterschied des männlichen und weiblichen Geschlechtes bleiben oder nicht? Wenn ja, dann werden auch Ehen, Beischlaf und Zeugung folgen. Ist aber der Geschlechtsunterschied aufgehoben, dann werden eben nicht mehr dieselben Körper auferstehen: "Denn es beschwert die irdische Hülle den viel sorgenden Geist"1 . Vielmehr werden die Leiber fein und geistig sein nach dem Ausspruch des Apostels: "Ein tierischer Leib wird gesät, aber ein geistiger Leib wird auferstehen"2 . Aus allen diesen Einwürfen wollte er den Beweis führen, daß die vernünftigen Kreaturen gewisser Fehler und alter Sünden wegen in Leiber herabgesandt worden seien3 . Je nach der Verschiedenheit der Sündengattung und der verdienten Strafe sollten sie unter diesen oder jenen Verhältnissen geboren werden, so daß sie z.B. körperlicher Gesundheit sich erfreuten oder reicher und vornehmer Eltern. Andere würden in einen kränklichen Leib oder in arme Häuser verwiesen, um die Strafe für ihre früheren Sünden abzubüßen und in dieser Welt und in diesem Körper wie in einem Kerker eingeschlossen zu werden. Als Paula dies gehört hatte, berichtete sie mir die Angelegenheit und nannte mir den Namen des Menschen. Mir lag die Notwendigkeit ob, dieser nichtswürdigen Natter und diesem verderbenbringenden Ungeheuer entgegenzutreten, an welches auch der Psalmist denkt, wenn er sagt: "Überliefere nicht den wilden Tieren die Seelen derjenigen, die an dich glauben"4 . "Schilt, o Herr, die Tiere des Schilfes"5 . Sie schreiben Ungerechtigkeit, sie lügen gegen den Herrn und erheben übermütig ihr Haupt. Ich ging zu diesem Menschen und auf Bitten derjenigen, welche er zu täuschen versucht hatte, fing ich ihn mit der kurzen Frage: "Glaubst du an eine zukünftige Auferstehung der Toten oder nicht?" Auf seine Antwort, daß er daran glaube, hub ich ferner an: "Stehen dieselben Körper auf oder andere?" Er sagte: "Dieselben". Ich forschte weiter: "In demselben Geschlechte oder in einem anderen?" Auf diese Frage schwieg er gleich einer Schlange, welche mit ihrem Kopf bald hierhin, bald dorthin fährt, um nicht geschlagen zu werden. "Weil du schweigst", sprach ich, "will ich an deiner Stelle Antwort geben und die entsprechenden Folgerungen daraus ziehen. Wenn das Weib nicht aufsteht als Weib und der Mann nicht als Mann, dann wird es überhaupt keine Auferstehung der Toten geben. Denn das Geschlecht hat Glieder, die Glieder aber machen den ganzen Leib aus. Wenn es aber kein Geschlecht und keine Glieder geben sollte, wie wird man da von einer Auferstehung der Leiber reden können, da diese ohne Geschlecht und ohne Glieder undenkbar ist? Wenn es aber keine Auferstehung der Leiber gibt, dann gibt es auch keine Auferstehung der Toten. Was aber deinen Einwand bezüglich der Heiraten angeht, daß es Ehen gäbe, wenn die Glieder dieselben blieben, so ist er bereits vom Erlöser aus dem Wege geräumt worden, der da sagt: "Ihr irrt, da ihr weder die Schrift noch die Kraft Gottes kennt; denn nach der Auferstehung der Toten wird man weder zur Ehe nehmen noch zur Ehe geben; vielmehr werden sie den Engeln ähnlich sein"6 . Wenn es heißt: "Man wird weder zur Ehe nehmen noch zur Ehe geben", so soll damit die Verschiedenheit der Geschlechter angedeutet werden. Denn niemand sagt von einem Stein oder einem Holzklotz: "Man wird weder zur Ehe geben noch zur Ehe nehmen", da sie von Natur die Fähigkeit zu heiraten nicht besitzen. Nur auf solche kann sich das Wort Christi beziehen, welche heiraten könnten, aber durch die Gnade und Kraft Christi nicht heiraten. Vielleicht wirst du entgegenhalten: "Wie werden wir den Engeln ähnlich sein, da es unter den Engeln weder Mann noch Frau gibt?" Höre kurz zu: Nicht die Natur, sondern den Wandel und die Seligkeit der Engel verspricht uns der Herr. In ähnlicher Weise ist auch Johannes der Täufer vor seiner Enthauptung ein Engel genannt worden7 , wie auch alle heiligen und gottgeweihten Jungfrauen bereits in dieser Welt ein Leben nach Art der Engel führen. Wenn es also heißt: "Ihr werdet den Engeln ähnlich sein", dann wird nur eine Ähnlichkeit versprochen, aber keine Umwandlung der Natur.

1: Weish. 9, 15.
2: 1 Kor. 15, 44.
3: Hier spiegelt sich des Origenes Irrlehre von der Präexistenz der Seelen, die er von Plato übernommen hat, wieder. Zur Strafe für begangene Sünden seien sie in materielle Leiber eingeschlossen worden.
4: Ps. 73, 19.
5: Ps. 67, 31
6: Matth. 22, 29 f
7: Luk. 7, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger