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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

21.

Unter den jungen Mädchen, die gesund und rüstig waren, ergab sich keines der Enthaltsamkeit so wie sie bei ihrem gebrochenen, alternden und schwachen Körper, Ich muß es offen sagen, in diesem Punkte war sie zu hartnäckig, als daß sie sich geschont und auf eine mahnende Stimme geachtet hätte. Ich will nur ein Erlebnis anführen. Im Monat Juli bei der brennendsten Hitze verfiel sie in Fieberglut. Ihr Zustand war hoffnungslos, hatte sich aber mit Gottes Hilfe gebessert. Die Ärzte suchten sie zu überzeugen, sie müsse zur Stärkung ihres Körpers etwas Wein genießen, damit sie nicht, wenn sie bloß Wasser tränke, wassersüchtig würde. Ich begab mich heimlich zum heiligen Bischof Epiphanius und bat ihn, er möge sie doch auffordern, ja drängen, Wein zu trinken. Paula aber witterte bei ihrem klugen und aufgeweckten Geiste sofort eine List und bemerkte lächelnd, was jener sage, seien eigentlich meine Worte. Was nun? Als der heilige Bischof nach vielem Zureden das Krankenzimmer verließ, fragte ich ihn, was er ausgerichtet habe. Er gab mir zur Antwort: "Das habe ich erreicht, daß sie beinahe mich alten Mann überredet hat, keinen Wein mehr zu trinken". Diese Tatsache erwähne ich, nicht als ob ich es billige, unbedachtsamerweise Lasten sich aufzubürden, welche die Kräfte übersteigen; warnt ja auch die Schrift: "Hebe keine Last auf, die über deine Kräfte geht"1 . Vielmehr wollte ich nur aus einer Standhaftigkeit, die singen kann: "Es dürstet meine Seele nach Dir, mehr noch mein Leib"2 , zeigen, wie weit der Eifer und das Streben ihrer gläubigen Seele ging. Es ist schwer, in allem Maß zu halten. Und der Ausspruch der Philosophen: "In der Mitte liegt die Tugend, die Übertreibung ist vom Übel"3 sagt dasselbe, was wir mit den kurzen Worten "ne quid nimis"4 , "allzuviel ist schädlich" zum Ausdruck bringen. — Während Paula nun in der Verachtung der Speisen eine solche Standhaftigkeit bewies, war sie für Trauer sehr empfänglich und beim Tode der Ihrigen, besonders ihrer Kinder, wie gebrochen. Beim Ableben ihres Mannes und ihrer Töchter wurde sie jedesmal lebensgefährlich krank. Mund und Brust bezeichnete sie mit dem Kreuze, und den mütterlichen Schmerz suchte sie durch Auflegung des Kruzifixes zu lindern. Doch die Macht des Gefühles überwältigte sie, und das Mutterherz behielt die Oberhand über den gläubigen Sinn. Im Geiste siegend unterlag sie der Gebrechlichkeit des Körpers. War sie aber einmal von der Schwäche erfaßt, dann wurde sie dieselbe lange Zeit nicht mehr los, so daß in uns Besorgnis, bei ihr Gefahr sich einstellte. Dabei freute sie sich, und von Zeit zu Zeit hörte man die Worte: "Ich bin ein armseliger Mensch. Wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes?"5 — Ein denkender Leser könnte vielleicht zu der Meinung kommen, daß ich statt eines Lobes Tadel ausspreche, Jesus rufe ich zum Zeugen an, ihn, dem sie gedient hat und dem ich dienen will, daß ich nach keiner Seite hin die Unwahrheit sage. Vielmehr berichte ich als Christ über eine Christin die Wahrheit. Geschichte, nicht eine Lobrede schreibe ich, und was bei ihr schon Fehler sind, das sind bei anderen noch Tugenden. Ich nenne sie Fehler von meiner Gesinnung und von der Sehnsucht der Brüder und Schwestern aus urteilend, die wir sie lieben und ihre Abwesenheit schmerzlich empfinden.

1: Eccli. 13, 2.
2: Ps. 62, 2.
3: Aristoteles, Ethica Nicomachea 1109 b, 20 ff.
4: Terentius, Andria 61.
5: Röm. 7, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger