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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

20.

Nun will ich auch noch über die Einrichtung des Klosters berichten und dartun, wie sie aus der Enthaltsamkeit der Heiligen für sich Gewinn zog. Sie säte im Fleische, um im Geiste zu ernten1 ; sie opferte Irdisches, um Himmlisches zu verdienen; sie verzichtete auf Güter von kurzer Dauer, um ewige dagegen einzutauschen. Nach der Gründung eines Männerklosters, dessen Leitung sie auch Männern übergab, hatte sie eine Reihe von Jungfrauen aus verschiedenen Provinzen, adelige sowohl als auch bürgerliche und solche einfachen Standes, um sich versammelt. Sie bildete aus ihnen drei Abteilungen und verteilte sie auf ebenso viele Klöster mit der Maßnahme, daß sie bei der Arbeit und beim Essen getrennt sein, dem Psalmengesang und dem Gebet dagegen gemeinsam obliegen sollten. Wenn das Alleluja angestimmt war, ein Zeichen, welches zur gemeinsamen Versammlung berief, durfte keine zögern. Paula kam zuerst oder unter den ersten und erwartete die Ankunft der übrigen. Durch Einwirkung auf das Ehrgefühl und durch ihr gutes Beispiel, aber nicht durch Zuchtmittel spornte sie die Nonnen zur Arbeit an. Des Morgens, um die dritte, sechste und neunte Stunde, des Abends und um Mitternacht pflegten sie in bestimmter Reihenfolge das Psalterium abzusingen2 . Keine der Schwestern durfte Unkenntnis der Psalmen verraten, und alle mußten täglich etwas aus der Heiligen Schrift auswendig lernen. Nur am Sonntage gingen sie zur Kirche, an deren Seite ihre Wohnung lag. Eine jede Abteilung folgte einer eigenen "Mutter". In gleicher Weise kehrte man aus der Kirche zurück und begab sich an die angewiesene Arbeit; man verfertigte entweder für sich oder für andere Kleidungsstücke. Eine adelige Jungfrau durfte keine Gefährtin aus ihrem Hause haben, damit sie nicht, an das frühere Leben erinnert, in die alten Fehler der ausgelassenen Kindheit zurückfalle und durch häufiges Geschwätz sie wieder auffrische. Die Kleidung war für alle gleich. Leinwand benutzte man nur, um die Hände abzutrocknen. Die Trennung von den Männern war so streng, daß auch die Eunuchen ferngehalten wurden. Paula wollte bösen Zungen, welche, um ihre eigenen Sünden zu entschuldigen, ein Gewerbe daraus machen, heilige Personen zu lästern, keinen Stoff bieten. Gegen solche, welche beim Psalmengesang zu spät kamen oder bei der Arbeit lässig waren, ging sie in verschiedener Weise vor. War die Betreffende zum Zorn geneigt, dann redete Paula ihr freundlich zu; war sie geduldig, dann wurde sie zurechtgewiesen. Sie handelte in Anlehnung an den Ausspruch des Apostels: "Was wollt ihr? Soll ich mit der Rute zu euch kommen, oder im Geiste der Milde und Sanftmut?"3 Außer Speise und Kleidung durfte keine etwas zu eigen haben, sagt doch Paulus: "Wenn wir Speise und Kleidung haben, sollen wir da mit zufrieden sein"4 . Denn die Gewohnheit, mehr zu besitzen, könnte Veranlassung zur Habsucht geben, die durch keine Schätze befriedigt werden kann. Je mehr sie hat, desto mehr will sie; weder durch Überfluß noch durch Mangel nimmt sie ab. Zankende versöhnte Paula durch sanftes Zureden. Die Regungen der Fleischeslust ertötete sie in den jungen Mädchen durch häufiges und verdoppeltes Fasten; denn eher sollte der Magen leiden als der Geist. Bemerkte sie eine Jungfrau, die zu sehr aufgeputzt war, dann wies sie die Fehlende durch Stirnrunzeln und eine betrübte Miene zurecht. Zugleich bemerkte sie: "Putzsucht am Körper oder in der Kleidung verrät Unreinheit der Seele. Ein häßliches und unanständiges Wort darf niemals über jungfräuliche Lippen kommen. In diesen Anzeichen offenbart sich ein lüsternes Herz. Die äußere Haltung des Menschen ist ein Spiegelbild der Fehler in seinem Innern". " Wenn sie bemerkte, daß eine redselig, geschwätzing, frech oder streitsüchtig war und trotz wiederholter Zurechtweisung nicht bessern wollte, dann stellte sie dieselbe unter die letzten und ließ sie außerhalb der Versammlung der Schwestern an der Türe des Speisesaales beten und getrennt essen. Wo die Zurechtweisung nichts erreicht hatte, sollte die Scham bessern. Diebstahl verabscheute sie wie ein Sakrilegium. Was unter den Weltleuten nur für geringfügig oder gar für nichtig angesehen wurde, war nach ihrer Aussage in Klöstern ein schweres Verbrechen. Ich müßte noch hinweisen auf ihre liebevolle Fürsorge für die Kranken, welchen sie mit großer Freundlichkeit und Dienstfertigkeit zur Seite stand. Wenn andere siech waren, gab sie alles in reichlichem Maße und erlaubte sogar den Genuß von Fleischspeisen; wurde sie aber selbst krank, dann gestattete sie sich nichts. Darin schien sie nicht folgerichtig zu handeln, daß sie die Milde gegen andere, sobald es ihre Person anging, mit Härte vertauschte.

1: 1 Kor. 9, 11.
2: Per ordiuem cantare bezeichnet die damals herrschende Sitte, daß jeder der Reihe nach mitten im Chor stehend, einen ganzen Psalm sang, während die anderen stillschweigend zuhörten. Das Psaltersingen in zwei abwechselnden Chören war damals noch unbekannt. Cassianus Inst. II, 5 sagt darüber: "Cotidianos orationum ritua volentibus celebrare unus in medio psalmos Domino cantaturus exsurgit. Cumque sedentibus cunctis, ut est moris nunc usque in Aegypti partibus, et in psallentis verba omni cordis intentione defixis undecim psalmos orationum interiectione distinctos contiguis versibus parili pronuntiatione cantasset, duodecimum sub alleluiae responsione consummans ab universorum oculis repente subtractus quaestioni pariter et caeremoniis finem imposuit". Inst. II, 10: "Tantum praebetur a cunctis silentium, ut, cum in unum tam numerosa fratrum multitudo conveniat, praeter illum, qui consurgens psalmum decantat in medio, nullus hominum penitus adesse credatur."
3: 1 Kor 4, 21
4: 1 Tim. 6, 8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger