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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

19.

War sie erschlafft oder, wie es häufig vorkam, geschwächt, dann pflegte sie zu sagen: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark"1 . Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen2 , bis dieses Sterbliche die Unsterblichkeit anzieht und das Verwesliche mit der Unverweslichkeit bekleidet sein wird3 . Ein anderes Mal betete sie: "So wie Christi Leiden in uns überreich sind, so ist auch überreich die Tröstung durch Christus"4 , oder: "Wie ihr Mitgenossen des Leidens seid, so werdet ihr auch mitgetröstet werden"5 . In Trauer sang sie: "Warum bist du traurig, meine Seele, und weshalb betrübst du mich? Hoffe auf Gott, denn noch kann ich ihn preisen; er ist das Heil meines Angesichtes und mein Gott"6 . In Gefahren sprach sie: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach"7 , oder: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es retten"8 . Als ihr der Verlust ihres Vermögens und die Zerstörung ihres väterlichen Erbes mitgeteilt wurde, sagte sie: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele? Was kann der Mensch hingeben, um seine Seele dafür wieder einzutauschen?"9 "Nackt bin ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorgegangen, nackt will ich auch zurückkehren. Wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit10 ". "Liebet nicht die Welt und was in ihr ist; denn alles, was in der Welt ist, ist Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens, die nicht vom Vater, sondern von der Welt ist. Aber die Welt vergeht mit ihrer Lust"11 . Ich weiß, daß man ihr Nachricht brachte von sehr schweren Krankheiten ihrer Kinder und besonders ihres Toxotius, den sie aufs innigste liebte. Zuerst machte ihre Tugendhaftigkeit den Ausspruch wahr:
"Ich bin betrübt und habe doch nicht geredet"12 , und dann brach sie in die Worte aus: "Wer seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig"13 . Und zum Herrn betete sie: "Nimm Besitz von den Söhnen der Abgetöteten14 , welche für Dich täglich ihre Leiber abtöten". Ich habe einen Ohrenbläser gekannt — eine höchst verderbliche Menschenklasse —, welcher ihr unter dem Scheine des Wohlwollens erzählte, daß sie wegen ihres allzu großen Tugendeifers von einigen für geisteskrank angesehen würde, nach deren Meinung ihr Gehirn geheilt werden müsse. Ihm gab sie zur Antwort: "Wir sind ein Schauspiel geworden für die Welt, für die Engel und die Menschen15 . Wir sind töricht um Christi willen; aber das Törichte bei Gott ist weiser als die Menschen16 . Deshalb spricht auch der Erlöser zum Vater: Du kennst meine Unwissenheit17 . Ihn suchten ja nach dem Evangelium auch seine eigenen Verwandten wie einen Wahnsinnigen zu binden18 und seine Widersacher verhöhnten ihn mit den Worten: Er hat einen Teufel und ist ein Samaritan19 . Durch Beelzebub, den Obersten der Teufel, treibt er Teufel aus20 . Aber wir wollen auf die Mahnung des Apostels achten: Das ist unser Ruhm, das Zeugnis unseres Gewissens, daß wir in Heiligkeit und Aufrichtigkeit und in der Gnade Gottes in dieser Welt gelebt haben21 . Hören wir auch auf das, was der Herr zu den Aposteln spricht: Deshalb haßt euch die Welt, weil ihr nicht von der Welt seid. Wenn ihr von der Welt wäret, dann würde euch die Welt als zu ihr gehörig lieben"22 . Und an den Herrn selbst richtete sie die Worte: "Du kennst das Innere des Herzens23 . Alles dies ist über uns gekommen, aber wir haben Dich nicht vergessen, den mit Dir geschlossenen Bund haben wir nicht gebrochen, nicht hat sich abgewandt unser Herz24 . Deinetwegen schweben wir stets in Todesgefahr, für Schlachtschafe werden wir gehalten25 . Aber der Herr ist meine Hilfe; was auch immer ein Mensch mir antun mag, ich werde mich nicht fürchten26 . Heißt es doch: Mein Sohn, ehre den Herrn, und du wirst stark werden, und außer ihm brauchst du niemanden zu fürchten"27 . Diese und ähnliche Schriftzeugnisse waren für sie sozusagen Christi Waffen, mit denen sie sich gegen alle Laster, vorzüglich aber gegen den giftigen Neid ausrüstete. Durch Geduld bei Beschimpfungen besänftigte sie die Aufwallung ihres empörten Herzens. Bis zum Tage ihres Todes war für alle sowohl ihre Geduld, als auch die Eifersucht der anderen wahrnehmbar, eine Untugend, welche schließlich denjenigen verzehrt, von dem sie ausgeht und in ihrer Leidenschaftlichkeit nur gegen sich selbst wütet, während sie den Nebenbuhler zu verwunden trachtet.

1: 2 Kor. 12, 10.
2: 2 Kor. 4, 7.
3: 1 Kor. 15, 53.
4: 2 Kor. 1, 5.
5: 2 Kor. 1, 7.
6: Ps. 41, 12.
7: Luk. 9, 23.
8: Luk. 9, 24.
9: Matth. 16, 26.
10: Job 1, 21.
11: 1 Joh. 2, 15 ff.
12: Ps. 76, 5
13: Matth. 10, 37.
14: Ps. 78, 11.
15: 1 Kor. 4, 9.
16: 1 Kor. 1, 25.
17: Ps. 68, 6.
18: Mark. 8, 21.
19: Joh. 8, 48.
20: Matth. 12, 24.
21: 2 Kor. 1, 12.
22: Joh. 15, 19.
23: Ps. 43, 22.
24: Ps. 48, 18 f.
25: Ps. 43, 22
26: Ps. 117, 6
27: Sprichw. 7, 1 nach LXX

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger