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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

18.

Den Tugenden folgt immer der Neid, und gerade in die höchsten Berge schlagen die Blitze1 . Ist es zu verwundern, wenn ich dies auch von Menschen sage? Denn auch unser Herr ist durch die Eifersucht der Pharisäer ans Kreuz geschlagen worden. Alle Heiligen hatten unter Mißgunst zu leiden, und im Paradiese war es die Schlange, deren Neid den Tod auf den Erdball gebracht hat2 . Auch Paula hatte der Herr einen Idumäer Adad erweckt3 , welcher sie mit Fäusten schlagen sollte, damit sie nicht übermütig werde. Des öfteren trieb er ihr gleichsam einen Stachel ins Fleisch4 , um sie zu warnen, damit sie bei ihrer Tugendgröße nicht stolz werde und sich nicht über die Fehler der anderen Frauen sicher und erhaben dünke. Ich sagte, man müsse dem Neide aus dem Wege gehen und vor der Wut das Feld räumen. Das habe auch Jakob gegenüber seinem Bruder Esau und David bei seinem unversöhnlichsten Feinde Saul getan. Der eine floh nach Mesopotamien, der andere lieferte sich den Fremden aus, da er lieber feindlich gesinnten als neidischen Menschen unterliegen wollte5 . Sie aber gab zur Antwort: "Du würdest recht haben mit deiner Behauptung, wenn der Teufel gegen die Diener und Dienerinnen Gottes nicht überall kämpfte und nicht, wohin man auch fliehen mag, vorauseilte; wenn mich nicht die Liebe zu den heiligen Stätten zurückhielte, und ich mein Bethlehem an einem anderen Orte der Erde wiederfinden könnte. Warum soll ich nicht durch Geduld den Neid überwinden, warum nicht durch Demut meinen Stolz brechen? Warum soll ich nicht demjenigen, der mich auf die eine Wange schlägt, auch die andere hinhalten?6 Sagt doch Paulus: Überwindet das Böse durch das Gute7 . Haben sich die Apostel nicht gerühmt, so oft sie des Herrn wegen Schmähung erduldet haben?8 Hat nicht der Erlöser selbst sich erniedrigt, hat er nicht Knechtsgestalt angenommen, ist er nicht gehorsam geworden gegen seinen Vater bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze, um uns durch sein Leiden zu retten?9 Wenn Job nicht gekämpft und im Kampfe gesiegt hätte, dann hätte er auch die Krone der Gerechtigkeit nicht erlangt und das Wort des Herrn nicht vernommen: Glaubst du, daß ich aus einem anderen Grunde zu dir gesprochen, als nur, um dich gerecht erscheinen zu lassen?10 Im Evangelium werden jene selig gepriesen, welche um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erdulden11 . Das gute Gewissen weiß mit Sicherheit, daß wir nicht wegen der Sünde leiden, und zeitliche Trübsal ist ein Rechtstitel der Belohnung." Wenn der Gegner mitunter allzu aufdringlich wurde und sich zu beschimpfenden Ausdrücken verstieg, dann sang sie Psalmverse. "Wenn die Sünde sich wider mich erhob, dann verstummte ich, demütigte mich und schwieg auch vom Guten"12 . "Ich aber hörte nicht, wie ein Tauber, und öffnete meinen Mund nicht, wie ein Stummer. Ich bin geworden wie ein Mensch, der nicht hört und der keine Scheltworte in seinem Munde führt"13 . In Versuchungen bediente sie sich der Worte des Deuteronomiums: "Es versucht euch der Herr, euer Gott, um zu prüfen, ob ihr den Herrn, euren Gott, liebet aus eurem ganzen Herzen und aus eurer ganzen Seele"14 . In Angst und Trübsal rezitierte sie folgenden Spruch aus Isaias: "Wenn ihr der Milch entwöhnt seid und nicht mehr lieget an der Mutter Brust, dann erwartet Trübsal auf Trübsal, Hoffnung auf Hoffnung, hier ein wenig, da ein wenig wegen der bösen Lippen und der feindlichen Zungen"15 , Und das Schriftwort deutete sie zu ihrem Trost folgendermaßen: "Jene, die der Mutterbrust entwöhnt, d.h. diejenigen, die zum Mannesalter herangereift sind, müssen Trübsal auf Trübsal über sich ergehen lassen, damit sie zum Lohne Hoffnung über Hoffnung empfangen. Denn wir wissen daß Trübsal Geduld auslöst, Geduld Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung hinwiederum wird nicht zu Schanden werden16 . Und wenn bei uns der äußere Mensch zugrunde geht, dann wird der innere Mensch erneuert. Unsere gegenwärtige Trübsal, die leicht und vorübergehend ist, wirkt in uns die ewige alles überwiegende Herrlichkeit, wenn wir nicht hinschauen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was man sieht, ist zeitlich, was man aber nicht sieht, ist ewig17 . Und es pflegt nur kurze Zeit zu dauern, mag es auch der menschlichen Ungeduld lange vorkommen, wenn Gottes Hilfe nicht sofort folgt, der doch sagt: Ich erhöre dich zur rechten Zeit, am Tage des Heiles helfe ich dir18 . Falsche Lippen und gottlose Zungen brauchen wir nicht zu fürchten, da wir uns des göttlichen Schutzes erfreuen. Auf Gott sollen wir hören, wenn er uns ermahnt: Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen19 . Die Leiden dieser Welt bedeuten nichts im Vergleich mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird20 . Und anderwärts heißt es, damit wir in allem, was über uns kommt, mit Geduld handeln: Der geduldige Mann benimmt sich sehr klug, wer aber kleinmütig ist, handelt überaus töricht"21

1: Horaz, Carm. II, 10, 11 f.
2: Weish. 2, 24.
3: 1 Kön. 11, 14.
4: 2 Kor. 12, 7.
5: Gen. 27, 43ff.; 1 Sam. 21, 10 ff.
6: Matth. 5, 39; Luk. 6. 29.
7: Röm. 12, 21.
8: Apg. 5, 41.
9: Philip. 2, 7 f.
10: Job 40, 8 nach LXX.
11: Matth. 5, 10.
12: Ps. 38, 2 f.
13: Ps. 37, 14 f.
14: Deut. 13, 3.
15: Is. 28, 9ff. nach LXX.
16: Röm. 5, 8 ff.
17: 2 Kor. 4, 17f
18: Is. 49, 8.
19: Luk. 21, 19.
20: Röm. 8, 18.
21: Sprichw. 14, 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger