Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

15.

Nun möchte ich die ihr besonders eigentümliche Tugendhaftigkeit näher behandeln. Bei dieser Schilderung, Gott ist mein Richter und Zeuge, verspreche ich, nichts hinzuzufügen und nichts nach Art der Lobredner in ein besseres Licht zu rücken. Vielmehr werde ich mich öfters in meinem Lobe bescheiden, damit der Glaubwürdigkeit kein Eintrag geschehe. Auch will ich bei meinen Verleumdern und jenen, die mich mit ihrem Giftzahn benagen, nicht den Schein erwecken, als erdichte ich oder als wolle ich die Krähe des Aesop mit fremden Federn schmücken1 .
Die erste Tugend des Christen ist die Demut. Paula besaß dieselbe in dem Grade, daß jeder, der sie sah, wenn er ihr wegen ihres angesehenen Namens einen Besuch abzustatten wünschte, sie für die letzte der Mägde gehalten und nicht geglaubt hätte, sie sei selbst die Herrin. Wenn sie von vielen Jungfrauen umgeben war, war sie, was Kleidung, Sprache, Benehmen und Haltung angeht, unter allen die einfachste. Nach dem Tode ihres Gatten hat sie bis zum Tage ihres eigenen Hinscheidens niemals mit einem Manne zusammen gespeist, wenn er auch noch so heilig, ja selbst mit der bischöflichen Würde bekleidet war. Bäder besuchte sie nur bei gefährlicher Krankheit. Weiches Bettzeug gestattete sie sich selbst beim heftigsten Fieber nicht, sondern auf härenen Decken, die auf den harten Boden gelegt waren, ruhte sie aus, wenn man bei ihr überhaupt von Ruhe reden kann, da sie unter beinahe ständigem Gebete Tag und Nacht aneinander reihte. Sie erfüllte das Wort des Psalmisten: "Alle Nächte will ich mein Bett waschen; mit meinen Tränen will ich meine Lagerstätte benetzen"2 . Ganze Quellen von Tränen hätte man in ihr vermuten sollen, so sehr beweinte sie ihre kleinen Sünden; man hätte fast glauben mögen, sie fühle sich der schwersten Verbrechen schuldig. Wenn wir sie öfters ermahnten, sie möchte doch ihre Augen schonen und für die Lesung des Evangeliums erhalten, sprach sie: "Ich muß das Gesicht entstellen, das ich so oft gegen Gottes Gebot mit Purpur, Bleiweiß und Augenschwärze geschminkt habe. Der Leib muß gepeinigt werden dafür, daß er mit so vielen Vergnügungen die Zeit vergeudet hat. Jetzt gilt es, das lange Lachen durch beständiges Weinen wieder gut zu machen. Die weichen Linnenkleider und kostbaren Seidenstoffe muß ich mit dem rauhen Bußgewande vertauschen. Wie ich meinem Mann und der Welt gefallen habe, so will ich nunmehr Christo gefallen." Überflüssig würde es sein, wollte ich unter so vielen und großen Tugenden auch ihre Keuschheit rühmend hervorheben. War sie doch in dieser Tugend, als sie noch in der Welt lebte, allen römischen Matronen ein Vorbild. Ihr Betragen war so musterhaft, daß auch nicht einmal ein falsches Gerücht etwas Anstößiges über sie zu verbreiten wagte. Nichts war milder, nichts freundlicher gegen die einfachen Leute als ihr Herz. Sie machte sich nicht an die Vornehmen heran; andererseits sah sie auch nicht mit stolzem Widerwillen und Vornehmtuerei auf diese herab. Erblickte sie einen Armen, dann kam sie für ihn auf, sah sie einen Reichen, dann ermahnte sie ihn zum Wohltun. Ihre Freigebigkeit allein überstieg schon alles Maß. Sie verteilte ihre Zinsen und machte noch oft eine Anleihe, um keinem Bittenden die Spende versagen zu müssen. Ich gestehe gern einen Irrtum meinerseits ein, als ich sie vorwurfsvoll fragte, warum sie im Geben allzu verschwenderisch sei, unter Hinweis auf die Worte des Apostels: "Nicht so [spendet Wohltaten], daß andere Erquickung, ihr aber Not habet, sondern daß Gleichheit sei in dieser Welt. Euer Überfluß soll dem Mangel anderer, und anderer Überfluß soll eurem Mangel abhelfen"3 . Auch das Wort des Heilandes aus dem Evangelium führte ich an: "Wer zwei Röcke hat, soll dem einen geben, der keinen hat"4 . Ich mahnte zur Vorsicht, damit sie nicht das, was sie so gern tue, zuletzt gar nicht mehr tun könne, Diese und noch manche andere Einwürfe machte sie in aller Bescheidenheit, ohne viele Worte zu verlieren, zunichte. Sie rief Gott zum Zeugen an, daß sie alles für seinen Namen tue; ihr einziger Wunsch sei, arm wie eine Bettlerin zu sterben, ihrer Tochter keinen Pfennig zu hinterlassen und bei ihrem Begräbnis in ein fremdes Leichentuch gehüllt zu werden. Zuletzt pflegte sie einzuwenden: "Wenn ich etwas verlange, dann werde ich viele finden, die es mir geben. Wenn dieser Bettler aber von mir, die ich auch von fremder Leute Gut ihm mitteilen kann, nichts erhält und stirbt, von wem wird dann sein Leben gefordert werden?" Ich drang darauf, daß sie bei der Vermögensverwaltung vorsichtiger sei. Aber in ihrem Glaubenseifer war sie in ihrer Gesinnung völlig eins geworden mit dem Erlöser. Selbst arm im Geiste, folgte sie dem Herrn in seiner Armut nach, um dadurch, daß sie für ihn arm würde, ihm zu vergelten, was sie empfangen hatte. Zuletzt sah sie ihren Wunsch erfüllt und ließ ihre Tochter in großen Schulden zurück, an welchen diese heute noch trägt, die sie aber, wenn nicht aus eigenen Kräften, dann im Glauben an die Barmherzigkeit Christi zurückzuzahlen hofft.

1: Phaedrus I, 3; Horaz, Epist I, 3, 19 f.
2: Ps. 6, 7.
3: 2 Kor. 8, 18 f
4: Luk. 8, 11.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. . Mehr
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . 20.
. . 21.
. . 22.
. . 23.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger