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Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

13.

Es würde zu weit führen, wollte ich noch reden vom Tale Achor, dem Tale des Aufruhrs und des Lärmes, in welchem Diebstahl und Geiz ihre Verurteilung fanden1 ; oder von Bethel, dem Hause Gottes, wo auf der bloßen Erde Jakob arm und entblößt in Schlaf gesunken war, einen Stein unter dem Haupte2 , der nach Zacharias sieben Augen gehabt haben soll3 und bei Isaias Eckslein genannt wird4 . Dort hatte er die zum Himmelreichende Leiter geschaut, auf deren Spitze Gott thronte, um den Aufsteigenden die Hand zu bieten und die Lässigen aus der Höhe herabzustürzen. Gegenüber auf dem Gebirge Ephraim verehrte sie die Gräber Josues, des Sohnes des Nave, und Eleazars, eines Sohnes des Hohenpriesters Aaron. Der eine von ihnen liegt begraben zu Taumathsare, nördlich von dem Berge Gaas5 , der andere in Gabaa, das seinem Sohne Phinees gehörte6 . Hier erregte es ihre Verwunderung, daß Josue, als er die Besitztümer verteilte, für sich ein so gebirgiges und rauhes Gebiet ausgesucht hat. Ich müßte auch Silo erwähnen, wo der zerstörte Altar heute noch gezeigt wird und dem von Romulus in Szene gesetzten Raub der Sabinerinnen im Stamme Benjamin eine ältere Parallele zur Seite gestellt werden kann7 . Paula ging hinüber nach Sichern, nicht Sichar, wie viele irrtümlich lesen, dem heutigen Neapolis, und besuchte die Kirche, welche an der Seite des Berges Garizim um den Jakobsbrunnen errichtet ist8 . Auf diesem saß der Herr hungernd und dürstend, aber er wurde gesättigt durch den Glauben der Samariterin9 . Sie verließ die fünf Männer des mosaischen Pentateuches und den sechsten, den sie zu besitzen sich rühmte, nämlich die Irrlehre des Dositheus, und fand den wahren Messias und den wahren Erlöser10 . Auf ihrer Weiterreise sah Paula die Gräber der zwölf Patriarchen, ferner Sebaste oder Samaria, welches zu Ehren des Augustus von Herodes mit dem griechischen Ausdruck für Augusta benannt worden ist11 . Dort liegen die Propheten Elisäus und Abdias begraben sowie Johannes der Täufer, mit dem sich unter den vom Weibe Geborenen keiner an Tugendgröße messen konnte12 . An diesem Orte wurde sie durch wunderbare Ereignisse in Schrecken versetzt. Sie hörte, wie die bösen Geister vor mannigfachen Qualen stöhnten, wie Menschen vor den Gräbern der Heiligen nach Art der Wölfe heulten und Hunden gleich bellten, wie Löwen brüllten, nach Schlangenart zischten und wie Stiere Laute von sich gaben. Andere drehten ihren Kopf im Kreise und berührten, nach rückwärts gebeugt, mit ihrem Scheitel die Erde. Frauen hingen an einem Fuße, ohne daß die Kleider über das Gesicht herabfielen. Mit allen hatte sie Mitleid, für alle vergoß sie Tränen und erflehte ihnen die Barmherzigkeit Christi13 . Obwohl sie schwach war, stieg sie zu Fuß auf den Berg, in dessen beiden Höhlen zur Zeit der Hungersnot und der Verfolgung der Prophet Abdias hundert Propheten mit Wasser und Brot genährt hatte14 . In beschleunigter Reise ging es Nazareth zu, der Nährstadt des Herrn, dann nach Kana und Kapharnaum, die so oft Zeuge seiner Wunder waren, weiter an den See Tiberias, der geheiligt ist durch die Fahrten des Herrn, und in die Wüste, in welcher viele Tausende aus dem Volke mit wenig Broten gesättigt und die zwölf Körbe der Stämme Israels mit den von den Speisenden übrig gelassenen Resten angefüllt worden sind15 . Hierauf ging's zum Berge Tabor, auf welchem die Verklärung des Herrn sich zugetragen hat16 . Aus der Ferne schaute sie hinauf auf die Gipfel des Hermon, ferner auf die weit ausgedehnten Fluren Galiläas, auf welchen Sisara mit seinem ganzen Heere von Barach besiegt und aufgerieben worden war17 . Auch den Bach Kison18 , der mitten durch die Ebene fließt, konnte man sehen und nicht weit ab die Stadt Naim, in welcher der Witwe Sohn von den Toten auf erweckt worden war19 . Zeit und Worte würden mir fehlen, wollte ich alle Örtlichkeiten aufzählen, an welchen die ehrwürdige Paula in ihrem übergroßen Glaubenseifer geweilt hat.

1: Jos. 7, 25. Der Dieb Achan wurde daselbst gesteinigt
2: Gen. 28, 11 f.
3: Zach. 8, 9.
4: Is. 28, 10.
5: Jos. 24, 29 f.
6: Jos. 24, 33.
7: Richt. 21, 21 ff.
8: Die Kirche ist jetzt vollständig ausgegraben. In ihr fand man eine samaritanische Inschrift mit einem Teile des Dekalogs. Palästinajahrbuch IV-1908 13.
9: Joh. 4, 7 ff.
10: Christus sagte [Joh. 4, 18] zur Samariterin: "Fünf Männer hast du gehabt, und den du jetzt hast, ist nicht dein Mann." Hieronymus deutet diese Worte in allegorischer Schrifterklärung auf die bekannte Tatsache, daß das Mischvolk, die Samaritaner, nur von den alttestamentlichen hl. Schriften die fünf Bücher Moses annahm, welche als kanonische Bücher fünf rechtmäßige Männer genannt werden. Dositheus aber, ein Jude, der, weil er unter den Juden kein Ansehen erlangen konnte, zu den Samaritanern abfiel, sich um die Zeit der Apostel für den verheißenen Messias ausgab und zu seinen Gunsten den Pentateuch verfälschte, auch nicht wenige zu seinem Irrtume verführte, wird hier allegorisch der sechste Irrtum genannt
11: Σεβαστός und augustus bedeuten beide ehrwürdig; als Epitheta für die römischen Kaiser gebraucht
12: Matth. 11, 11.
13: Hier scheint es sich nicht um eine Mitteilung Paulas zu handeln, sondern um eine z.T. Hilarius, Contra Constantium c.8 entnommene Stelle die zur Ausschmückung dienen soll. Die Angaben gehören mehr oder weniger zum festen Bestand, wenn es gilt, die Wirkung der Dämonen zu schildern.
14: 1 Kön. 18, 4.
15: Matth. 14, 20; Mark. 6, 43; Luk. 9, 17; Joh. 6, 13.
16: Matth. 17, 2; Mark. 9, 1.
17: Richt. 4, 15 ff.
18: Heute Nahr el-Mukatta; seine Quellflüsse kommen vom Gebirge Gilboa, vom Tabor und vom kleinen Hermon; er mündet bei Haifa.
19: Luk. 7, 11 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger