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Hieronymus († 420) - Leben und Gefangenschaft des Mönches Malchus (Vita Malchi)

8.

Bei meiner Rückkehr zur Lagerstelle begegnet mir die Frau. In meinen Gesichtszügen vermag ich nicht die seelische Niedergeschlagenheit zu verbergen. Sie fragt, warum ich so mutlos sei, worauf ich ihr die Gründe mitteile. Ich fordere sie zur Flucht auf, sie schlägt die Mahnung nicht aus. Ich bitte um Stillschweigen, sie verspricht es. Unter beständigem Geflüster schweben wir zwischen Furcht und Hoffnung, In meiner Herde waren zwei auffallend große Böcke. Nachdem ich sie getötet hatte, verfertigte ich Schläuche und machte ihr Fleisch als Mundvorrat zurecht. Am ersten Abend traten wir die Reise an, beladen mit den Schläuchen und den Fleischstücken, während unsere Herrschaft uns in stiller Ruhe wähnte. Wir kamen zu dem zehn Meilen entfernten Fluß, blähten die Schläuche auf, legten uns auf dieselben und vertrauten uns so dem Wasser an. Ab und zu ruderten wir etwas mit den Füßen, damit die Verfolger unsere Spur verlieren sollten; denn die Strömung trieb uns abwärts und in erheblicher Entfernung von dem Orte, an welchem wir abgestoßen waren, landeten wir am anderen Ufer. Dabei war freilich das Fleisch naß geworden und zum Teil verloren gegangen, so daß wir kaum für drei Tage auf Nahrung rechnen konnten. Wir tranken uns noch einmal recht satt, um uns zu wappnen gegen den kommenden Durst. Dann eilten wir voran, jeden Augenblick rückwärts blickend. Zum Weitermarsch benutzten wir mit Vorliebe die Nächte statt der Tage, zum Teil aus Furcht vor den Nachstellungen der weithin umherschweifenden Sarazenen, zum Teil wegen der allzu großen Sonnenglut. Wenn ich davon erzähle, überläuft es mich Unglücklichen noch eiskalt, und wenn ich mich jetzt auch in Sicherheit weiß, so zittere ich doch noch am ganzen Körper.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger