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Hieronymus († 420) - Leben des hl. Einsiedlers Hilarion (Vita Hilarii)

43.

Zwei Jahre verweilte er an dieser Stelle, doch sann er beständig auf Flucht. Hesychius schickte er nach Palästina, um die Brüder zu begrüßen und die Trümmer seines Klosters zu besuchen; im Frühling sollte er zu ihm zurückkehren. Als er sich wieder eingefunden hatte, wünschte Hilarion von neuem, nach Ägypten zu segeln, und zwar in eine Gegend, die Bucolia1 genannt [S. 70] wurde, weil dort keine Christen lebten, sondern nur ein barbarisches, wildes Volk. Hesychius gab ihm jedoch den Rat, lieber auf der Insel zu bleiben, aber hinaufzusteigen an einen einsamen Ort. Als er einen solchen nach langem Suchen entdeckt hatte, führte er den Greis in ein abgelegenes, rauhes Gebirge, das zwölf Meilen vom Meere entfernt war. Mit Mühe und Not nur konnte man auf Händen und Füßen kriechend hinaufgelangen. Nach seiner Ankunft war er erstaunt über die wilde und öde Gegend, die von allen Seiten mit Bäumen eingefriedigt war. Wasser rieselte von der Spitze des Berges herab; auch fand sich ein anmutiger Garten mit vielen Obstbäumen, von deren Früchten er jedoch niemals genoß. Auch die Überreste eines uralten Tempels waren vorhanden, aus welchen, wie Hilarion selbst berichtet und seine Schüler bestätigen, Tag und Nacht die Stimmen so vieler Dämonen zu vernehmen waren, daß man hätte meinen können, es sei ein ganzes Heer. Ihm freilich bereitete es große Freude, in unmittelbarer Nähe Widersacher zu wissen, und so wohnte er hier fünf Jahre, während welcher Zeit Hesychius ihn häufig besuchte. Obwohl hochbetagt, lebte er hier wieder neu auf, weil wegen der Unwirtlichkeit und Unzugänglichkeit des Ortes, auch wegen der Menge der „Schatten", wie sich der Volksmund ausdrückte, niemand oder nur höchst selten ein einzelner zu ihm zu kommen vermochte oder wagte. Eines Tages, als Hilarion aus dem Garten hinausging, sah er vor dem Eingange einen Mann liegen, welcher am ganzen Körper gelähmt war. Er fragte den Hesychius, wer er wäre und wer ihn hierhin gebracht hätte. Der Gefragte antwortete: „Er ist der Verwalter des Landgutes gewesen, zu dessen Gerechtsame auch der Garten gehört, in dem wir wohnen". Da weinte Hilarion, streckte dem am Boden Liegenden seine Hand entgegen und sprach: „Im Namen unseres Herrn Jesu Christi sage ich dir, stehe auf und wandle"2. Noch stießen sich die Worte in seinem Munde — in solcher Geschwindigkeit spielte sich der Vorgang ab —, da erstarkten die [S. 71] Glieder, so daß der Kranke sich erheben konnte. Kaum hatte sich dieses Wunder rundgesprochen, da ließen sich viele, die in Not waren, auch durch die schlimmen örtlichen Verhältnisse und die Reisebeschwerden nicht mehr abhalten. Alle Landgüter in der Umgegend aber machten es sich zur Hauptsorge, sein Entweichen zu verhindern, hatte sich doch auch hierher das Gerücht verbreitet, daß er an einem und demselben Orte nicht lange verweilen könne. Aber Hilarion wechselte nicht etwa aus Leichtsinn oder aus knabenhafter Laune seinen Aufenthalt, sondern aus Abscheu vor Ehre und den damit verbundenen Belästigungen. In ihm war stets nur der Wunsch nach einem ruhigen und verborgenen Leben lebendig gewesen.

1: Eine Gegend im nordwestlichen Teile des Nildeltas. (Nil = Βουκολικὸν στρόμα bei Herodot II, 17). Die Bewohner waren eine räuberische Hirtenbevölkerung, welcher die sumpfigen Niederungen bequemen Unterschlupf boten.
2: Apg. 3, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger