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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Mahnrede an die Heiden (Protrepticus)
7. Kapitel

74.

1. Aber auch auf der Bühne enthüllen sie die Wahrheit. Der eine von ihnen, Euripides, sagt beim Blick hinauf zum Äther und zum Himmel: „Halte diesen für Gott!"1

2. Sophokles aber, der Sohn des Sophillos, sagt:
„Ein einziger in Wahrheit, einer nur ist Gott;
Er schuf den Himmel und das weite Erdenrund,
Des Meeres finstre Wogen und des Sturms Gewalt;
Wir Menschen aber, irrgeführt in unserm Sinn,
Errichteten zum Trost für unser vieles Leid
Aus Stein uns Götterbilder und Gestalten auch
Aus Erz und Gold gefertigt oder Elfenbein;
Und diesen Opfer und der Feste leere Pracht
Darbringend halten wir dies Tun für Frömmigkeit.“2
Dieser Dichter hat in der Tat und in kühner Weise auf der Bühne den Zuschauern die Wahrheit vorgetragen.

3. Und der thrakische Weihepriester, der zugleich auch ein Dichter war, Orpheus, der Sohn des Oiagros, bringt nach seinem Unterricht von den Orgien und seiner Theologie der Götzenbilder3 einen Widerruf, der die Wahrheit enthält, und singt zwar spät, aber doch noch das wahrhaft heilige Wort:

4. „Würdigen gilt meine Rede; ihr Sündigen, schließet die Türen,
[S. 151] Alle zugleich! Du aber, o Sprößling der leuchtenden Mene,4
Höre, Musaios; denn Wahres verkünd' ich, und nicht soll, was früher
Dir in dem Herzen erschien, dich des lieblichen Lebens berauben.
Blick auf das göttliche Wort und bleib ihm in Treue ergeben,
Richtend verständig des Herzens Gefäß; und beschreite mit Sorgfalt
Immer den Pfad und blick’ nur empor zum Beherrscher des Weltalls,
Der die Unsterblichkeit hat!“

5. Dann fügt er etwas später ausdrücklich hinzu:
„Einer ist, selbergezeugt, von Einem ist alles entsprossen;
Drinnen waltet er selbst, aber keiner der sterblichen Menschen
Siehet ihn je, er selber jedoch hat alle vor Augen.“5
So kam Orpheus6 mit der Zeit doch zu der Erkenntnis, daß er im Irrtum befangen gewesen war.

6. „Aber, du Sterblicher listigen Sinnes, verziehe nicht länger;
Sondern in Eile wend' dich zurück, um Gott zu versöhnen.“7

7. Denn wenn die Griechen auch sicherlich einige Funken des göttlichen Logos erhielten und einiges wenige von der Wahrheit verkündigten, so bezeugen sie damit [S. 152] zwar, daß deren Macht nicht verborgen ist, aber andererseits erweisen sie sich selbst als schwach, da sie nicht zur Vollendung gelangten.

1: Vgl. Euripides Fr. 941; vgl. Strom. V 114, 1; A. Elter, Gnom. hist. S. 122 f.
2: Pseudo-Soph. Fr. 1025; vgl. Strom. V 113, 2 [= Euseb. Praep. Evang. XIII 13, 40; Theodoret, Graec, aff. cur. VII 46]; Just. De mon. 2; Coh. 18; Kyrill v. Alex., Geg. Jul. I p. 32 A Aubert; A. Elter, Gnom. hist. S. 151.
3: Orpheus soll eine Schrift ἱεροὶ λόγοι verfaßt haben; vgl. Orphicorum fragmenta coll. O. Kern, Berlin 1922, S. 140 ff.
4: Mene [= Selene] war die Mutter des Orpheusschülers Musaios.
5: Orpheus Fr. 246 Kern; Clem. scheint von Just. De mon. 2 [daraus auch Coh. 15; Kyr. Geg. Jul. I p. 26 Aubert] abhängig; vgl. Orpheus Fr. 245, 1–10 Kern; A. Elter, Gnom. hist. S. 153–186. – Strom. V 123, 1 und 78, 4 steht ein Teil dieser Verse.
6: Die Interpunktion nach Orpheus ist zu tilgen.
7: Orac. Sibyll. 3, 624 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger