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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Mahnrede an die Heiden (Protrepticus)
5. Kapitel

66.

1. Andere Philosophen gingen über die Elemente hinaus und suchten mit Mühe nach etwas Höherem und Besserem. Von ihnen priesen die einen das Unbegrenzte oder Unendliche [τὸ ἄπειρον], wie Anaximandros [er stammte aus Milet] und der Klazomenier Anaxagoras und der Athener Archelaos. Diese beiden haben noch den Verstand [νοῦς] über die Unendlichkeit gesetzt, während Leukippos von Milet und Metrodoros von Chios auch ihrerseits, wie es scheint, zwei Grundursachen gelten ließen, das Volle und das Leere.

2. Diesen beiden Begriffen fügte Demokritos noch die Bilder [τὰ εἴδωλα] hinzu. Ferner hielt Alkmaion von Kroton die Sterne, die ihm beseelt schienen, für Götter1 [auch ihre schamlose Lehre will ich nicht mit Stillschweigen übergehen], und Xenokrates [er war aus Kalchedon] erklärt, daß die Planeten sieben Götter seien, der achte Gott aber sei das aus allen Fixsternen bestehende Weltsystem.2

3. Ich will aber auch die Anhänger der Stoa nicht übergehen, die behaupten, daß die Gottheit jeden Stoff, auch den Verachtetsten, durchdringe,3 und so der Philosophie geradezu Schande machen.

4. An dieser Stelle steht, wie ich glaube, auch der Erwähnung der Peripatetiker nichts im Wege. Der Begründer dieser Philosophenschule4 glaubt, da er den Vater des Alls nicht erkannte, daß der [S. 143] [von ihm] so genannte „Höchste“ die Seele des Alls sei;5 das bedeutet: da er die Weltseele als Gott annimmt, schlägt er sich selbst. Denn da er zuerst erklärt, daß die Vorsehung nur bis zum Monde reiche,6 dann aber das Weltall für Gott hält, widerspricht er sich selbst, indem er das, was keinen Anteil an Gott hat, als Gott erklärt.

5. Jener Theophrastos aus Eresos7 aber, der Schüler des Aristoteles, vermutet bald, daß Gott der Himmel, bald, daß Gott Geist sei.8 Was aber Epikuros betrifft, so will ich ihn allein, und zwar mit Absicht, übergehen, da er, der in allen Stücken gottlos ist, glaubt, daß Gott sich um gar nichts kümmere.9 Was ist schließlich von Herakleides aus Pontos zu sagen? Gibt es irgendeine Stelle, wo nicht auch er sich zu den Bildern des Demokritos hinabziehen läßt?10

1: Vgl. Alkmaion Fr. 9 Wachtler.
2: Xenokr. Fr. 17 Heinze.
3: Vgl. Chrysippos Fr. phys. 1039 v. Arnim; Zenon Fr. 47 Pearson; Fr. 159 v. Arnim; Strom. I 51; V 89.
4: Aristoteles.
5: Vgl. Aristot. De mundo p. 397 b 25; Xenokr. Fr. 18 Heinze.
6: Vgl. Strom. V 90, 3; Zeller, Philos. d. Griech. II 2, 3. Aufl. S. 468 Anm. 1.
7: Stadt auf der Insel Lesbos.
8: Theophr. Fr. 14 Wimmer III p. 162; vgl. Cic. De deor. nat. I 35.
9: Epikur Fr. 368 Usener.
10: Herakl. Pont. Fr. 65 Voß; vgl. Diels, Doxogr. p. 131 f. Mit den „Bildern des Demokritos“ ist dessen Lehre gemeint, daß sich von den Gegenständen εἴδωλα ablösen und auf die Sinnesorgane des Menschen treffen, wodurch alle Sinneswahrnehmungen entstehen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger