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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

8.

Nicht genug daran, die Bosheit ersonnen zu haben, begann die menschliche Seele, nach und nach in noch Schlechterem sich auszuwirken. Sie lernte verschiedene Arten von Lüsten kennen, zog über sich her den Schleier der Vergessenheit für das Göttliche, ergötzte sich an den fleischlichen Regungen, sah nur mehr auf das Augenblickliche und dessen Reize und verfiel so auf den Wahn, es gebe außer dem Sichtbaren nichts [S. 541] weiteres mehr, vielmehr sei das Zeitliche und Leibliche das Gute. Aber abgekehrt und verlustig gegangen des Bewußtseins, ein Ebenbild des guten Gottes zu sein, sieht sie jetzt nicht mehr mit der ihr eigenen Kraft Gott den Logos, nach dem sie erschaffen ist; vielmehr macht sie, außer sich gekommen, sich Gedanken über das Nicht-seiende und stellt es sich vor. Denn mit dem Wust der sinnlichen Begierden hat sie gleichsam den Spiegel in sich verdeckt, in dem allein sie das Bild des Vaters schauen konnte, und sieht jetzt nicht mehr, woran die Seele zu denken hat; vielmehr treibt sie sich überall herum und sieht nur, was in die Sinne fällt. Deshalb stellt sie sich, trunken vor lauter fleischlicher Begier und betäubt von ihren Vorspiegelungen, nunmehr den Gott, den sie im Herzen vergessen hatte, in körperlichen und sinnlichen Dingen vor, indem sie den Namen Gott auf die sichtbaren Dinge überträgt und nur das preist, was ihr beliebt und was sie willkommen findet. Voraus geht also dem Götzendienst als dessen Quelle die Bosheit: Erst verstunden es die Menschen, sich die nichtseiende Bosheit auszudenken, dann schufen sie sich auch die nichtseienden Götter. Wie einer, der in die Tiefe stürzte und bei seiner Blickrichtung nach unten und kraft des ihm nachstürzenden Wogenschwalles das Licht nicht mehr sähe noch das im Lichte Sichtbare, und jetzt, wo er nur das in der Tiefe Liegende wahrnimmt, wähnte, es gebe außer dem nichts weiteres, sondern eben dem ihm Sichtbaren komme die Herrschaft über das Seiende zu, so haben auch vor Zeiten die törichten Menschen, versunken in die fleischlichen Begierden und Vorstellungen und verlustig gegangen ihres Gottesbegriffes und Gottesglaubens, ihrer verfinsterten Vernunft oder vielmehr Unvernunft folgend, die sichtbaren Dinge als Götter sich gedacht, erhoben so die Kreatur über den Schöpfer und erwiesen lieber den Werken göttliche Verehrung als ihrem Urheber und Schöpfer, Gott dem Herrn. Wie aber nach dem vorhin angeführten Gleichnis die in die Tiefe Sinkenden, je weiter sie abwärts gleiten, in um so dunklere und tiefere Stellen geraten, so ist es auch dem Menschengeschlechte ergangen. Denn sie hielten nicht an einem Götzendienst fest, blieben nicht bei dem stehen, [S. 542] womit sie begonnen, sondern solange sie noch bei den ersten Verirrungen verweilten, gingen sie schon auch auf neuen Teufelsspuk aus. Und weil sie an den ersten nicht satt wurden, füllten sie sich mit neuem Bösen an, kamen so in den schändlichsten Dingen immer weiter und erschlossen ihrer Gottlosigkeit immer weiteres Gebiet. Dafür zeugt auch die göttliche Schrift, wenn sie sagt: "Wenn der Gottlose in den Abgrund der Bösen gerät, dann achtet er es nicht"1.

1: Sprichw. 18, 3.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger