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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

46.

[S. 598] Hat also die göttliche Lehre nach Verwerfung des Atheismus der Heiden oder der Götzendiener geschwiegen und das Menschengeschlecht nur so ohne alle Kenntnis Gottes dahinleben lassen? Keineswegs! Vielmehr kommt sie unserer Vernunft zuvor und sagt: "Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einziger Herr"1. Und wieder: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus allen deinen Kräften"2. Und wiederum: "Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten, ihm allein dienen und ihm anhangen"3. Die in allem und für alles tätige Vorsehung und Fürsorge des Logos bezeugt sich ja in der ganzen inspirierten Schrift, und so mögen die folgenden Stellen genügen zum Erweis der Glaubwürdigkeit unserer Behauptung, der die Gottesgelehrten die Worte reden: "Du hast die Erde gegründet, und sie bleibt: durch Deine Anordnung bleibt der Tag"4. Und wieder: "Lobsingt unserem Gott mit der Harfe; er deckt den Himmel mit Wolken und bereitet Regen der Erde; er läßt Gras wachsen auf den Bergen und Kräuter zum Dienste der Menschen und gibt dem Vieh seine Nahrung"5. Durch wen anders aber gibt er dies, als durch den, durch den alles erschaffen ist? Denn der, durch den alles erschaffen ist, sorgt natürlich auch für alles. Wer aber wäre das anders als der Logos Gottes, von dem es auch in einem anderen Psalme heißt: "Durch den Logos des Herrn sind die Himmel befestigt worden und durch den Hauch seines Mundes all ihr Heer"6. Daß alles in ihm und durch ihn entstanden, erzählt die Schrift, wenn sie uns bezeugt und sagt: "Er sprach, und sie wurden; er gebot, und sie wurden geschaffen"7. Dies bestätigt auch der in allweg so große Moses im Anfange seines Schöpfungsberichtes, wenn er zur Erklärung der zitierten Worte sagt: "Gott sprach: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis"8. Und auch, als der Vater die Erschaffung des Himmels und der [S. 599] Erde und aller Dinge vornahm, sprach der Vater zu ihm: "Es werde der Himmel, und es soll das Wasser sich sammeln und das Trockene erscheinen; und die Erde bringe Kräuter und lebende Wesen hervor!"9. Damit könnte man nun auch die Juden widerlegen, die sich nicht genau an die Schrift halten. Denn mit wem, könnte man sie fragen, redete Gott, daß er sogar einen Befehl aussprach? Wenn er den Geschöpfen gebot und mit ihnen sprach, so war seine Rede überflüssig: sie waren ja noch nicht, sondern sollten erst werden. Niemand aber redet eine Sache an, die noch nicht ist, oder spricht in der Befehlsform etwas an, was noch nicht ist, aber entstehen soll. Wenn Gott hätte dem befehlen wollen, was entstehen sollte, so hätte er sagen müssen: Werde, Himmel! Werde, Erde! Komm hervor, Pflanze! Bilde dich, Mensch! Nun aber sprach er nicht so, sondern er befiehlt mit den Worten: "Laßt uns den Menschen machen", und "das Kraut sprosse hervor!"10 Daraus folgt, daß Gott mit einem Dritten in der Nähe darüber redet. Es muß also jemand bei ihm gewesen sein, mit dem er redete und alles schuf. Wer anders wäre aber dies als sein Logos? Mit wem anders könnte denn Gott reden als mit seinem Logos? Oder wer war mit ihm, als er die ganze Kreatur schuf, wenn nicht seine Weisheit, die da sagt: "Als er den Himmel und die Erde machte, war ich bei ihm"?11 In der Bezeichnung Himmel und Erde begreift er alles Geschaffene im Himmel und auf Erden mitein. Da er als Weisheit bei ihm war und als Logos den Vater sah, schuf er das Weltall, gestaltete und ordnete es, und als die Kraft des Vaters gab er allen Dingen Kraft zur Existenz, wie auch der Heiland sagt: "Alles, was ich den Vater tun sehe, tue auf gleiche Weise auch ich"12. Ja, daß durch ihn und in ihm alles geworden, lehren auch seine heiligen Jünger13, wie auch, daß er als gute Geburt aus einem Guten und als wahrhaftiger Sohn Kraft, Weisheit und Logos des [S. 600] Vaters ist, und zwar nicht dank einer Teilnahme oder einer Mitteilung von außen her, wie dies bei denen der Fall ist, die an ihm teilnehmen, durch ihn weise sind und in ihm mächtig und vernünftig werden, sondern so, daß er die Selbstweisheit, Selbstvernunft, die eigene Selbstkraft des Vaters, Selbstlicht, Selbstwahrheit, Selbstgerechtigkeit, Selbsttugend, Abriß, Abglanz und Bild (des Vaters) ist. Und um mich kurz zu fassen: Er ist die vollkommenste Frucht des Vaters, einziger Sohn und unveränderliches Abbild des Vaters.

1: Deut. 6, 4.
2: Ebd. 5, 5.
3: Ebd. 5, 18.
4: Ps. 118, 91.
5: Ebd. 146, 7.
6: Ebd. 32, 6.
7: Ebd. 32, 9.
8: Gen. 1, 26.
9: Gen. 1, 6-11.
10: Ebd. 1, 26; 1, 11.
11: Sprichw. 8, 27.
12: Joh. 5, 19.
13: Vgl. Joh. 1, 3; Röm. 11, 36.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger