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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

40.

Wer mag nun dieser sein? Auf diese Frage vor allem muß man ja Rede und Antwort stehen, damit niemand wegen mangelnder Erkenntnis seiner irre gehe und auf einen anderen rate und so mit den früher Genannten in dieselbe Gottlosigkeit falle. Ich glaube zwar, daß hierüber niemand im Zweifel ist. Hat doch unsere Erörterung gezeigt, daß die sogenannten Götter der Dichter keine Götter sind, daß diejenigen irren, welche die Schöpfung vergöttern, und daß überhaupt der Götzenkult der Heiden Atheismus und Gottlosigkeit ist. So kann nach der Beseitigung jener Götter ganz natürlich nur mehr bei uns der würdige Gottesdienst zu finden und nur der von uns angebetete und verkündigte Gott der wahre sein, der Herr der Schöpfung und der Schöpfer jeglicher Natur. Wer anders ist nun das als der allheilige und über jede geschaffene Substanz hocherhabene Vater Christi, der einem trefflichsten Steuermann gleich mit seiner eigenen Weisheit und seinem eigenen Logos, unserem Herrn und Heiland Christus, alles zum Heile lenkt, anordnet und tut, so wie er es immer für gut findet? Gut so aber ist es, wie es geschehen ist und wie wir es geschehen sehen, da er ja auch das will. Das wird wohl niemand bezweifeln. Wäre nämlich die Bewegung der Schöpfung eine unvernünftige und würde die Welt nur so dahingetrieben, so würde man mit gutem Grund unseren Worten keinen [S. 590] Glauben schenken. Ist sie aber aus Vernunft, Weisheit und Einsicht hervorgegangen und mit voller Harmonie geschaffen, so kann ihr Regent und Ordner kein anderer sein als der Logos Gottes. Unter dem Logos verstehe ich aber nicht den, der mit jedem geschaffenen Wesen verbunden und ihm angeboren ist, den einige1 auch den 'Befruchtenden' (σπερματικόν) zu nennen pflegen, der unbeseelt ist, jeglicher Vernunft und jeden Gedankens bar und nur durch äußere Technik wirksam wird entsprechend dem Verständnis dessen, der ihn mitteilt. Ich meine auch nicht das Wort (λόγον), wie es das vernünftige Geschlecht kennt, das Wort, das aus Silben besteht und in der Luft wahrnehmbar wird, sondern ich meine den lebendigen und wirksamen Gott des Guten und des Gottes aller Dinge, der durch sich selbst Logos ist (ἀυτολόγος), der verschieden ist von den entstandenen Dingen und von der ganzen Schöpfung und der eigene und einzige Logos des guten Vaters ist, der durch seine Vorsehung das gegenwärtige All erschaffen hat und erleuchtet. Als der gütige Logos des gütigen Vaters hat er die Einrichtung der Welt angeordnet, indem er die Gegensätze mit den Gegensätzen ausglich und aus ihnen eine Harmonie herstellte. Er, "Gottes Kraft und Weisheit"2, gibt dem Himmel seinen Kreislauf, hält die Erde in der Schwebe und befestigt sie, obschon sie auf nichts ruht, durch seinen Wink. Von ihm beleuchtet, gibt die Sonne der Erde das Licht und erhält der Mond sein Licht zugemessen. Dank ihm hängt auch das Wasser in den Wolken, befeuchten die Regen die Erde, bleibt das Meer in seinen Grenzen eingeschlossen und sproßt üppig die Erde allerlei Gewächs. Und wenn einer ungläubig [S. 591] auf unsere Ausführung hin noch die Frage stellte, ob es überhaupt einen Logos Gottes gebe, so müßte ein solcher mit seinem Zweifel am Logos Gottes wahnsinnig sein. Er findet aber gleichzeitig in dem, was er sieht, den Beweis, daß durch den Logos und die Weisheit Gottes alles besteht, und daß auch nicht ein Ding ein Dasein gewonnen hätte, wenn es nicht, wie erwiesen, durch den Logos, und zwar durch den göttlichen Logos entstanden wäre.

1: Athanasius denkt offenbar hier an die Stoiker. Nach deren Lehre "wird bei der Weltentwicklung der sich bildenden groben Materie der λόγος σπερματικός als das Gestaltende gegenübergestellt, der die Formen für alles Entstehende, für die Einzeldinge, die Vielheit der λόγος σπερματικοί, die vernünftigen, sich organisch und zweckvoll entwickelnden, in den Einzeldingen als Formen wirkenden, sie gestaltenden, aber doch materiellen Samenkeime in sich enthält" (F. Überweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie I 10. Aufl. 1909 S. 259).
2: 1 Kor. 1, 24.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger