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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

35.

Hat doch der gütige und menschenfreundliche Gott, der sich um die von ihm erschaffenen Seelen kümmert, der, weil unsichtbar und unbegreiflich von Natur, 1erhaben ist über jede geschaffene Substanz, weshalb ja das Menschengeschlecht zur Erkenntnis seiner nicht gelangen könnte — denn es stammt aus dem Nichtseienden, er aber ist ungeworden —, hat er doch eben deshalb durch seinen Logos die Schöpfung so eingerichtet, daß er, von Natur ja unsichtbar, wenigstens aus den Werken für die Menschen erkennbar würde. Denn aus den Werken wird der Künstler oftmals erkannt, wenn er auch nicht sichtbar ist. So erzählt man vom Bildhauer Phidias2, daß seine Schöpfungen durch ihre Symmetrie und ihre Proportionalität den Beschauern den Phidias verrieten, obschon er nicht zugegen war. Ebenso muß man auch aus der Ordnung der Welt Gott, ihren Schöpfer und Baumeister, erkennen, wenn schon man ihn mit dem leiblichen Auge nicht sieht. Denn Gott hat seine unsichtbare Natur nicht mißbraucht — komme doch niemand mit dieser Ausrede! — und sich etwa den Menschen gänzlich unbezeugt gelassen, sondern er hat, wie bereits gesagt, die Schöpfung so eingerichtet, daß er, wenn schon unsichtbar von Natur, gleichwohl aus den Werken erkannt würde. Und das sage ich nicht aus mir selbst, sondern ich schöpfte es aus den Äußerungen der Theologen, zu denen Paulus gehört, der an die Römer also schreibt: "Denn das Unsichtbare an ihm wird seit Erschaffung der Welt aus seinen Werken erkannt und geschaut"3. Die Lykaonier redet er in aller Offenheit an: "Auch wir sind Menschen, Leiden unterworfen wie ihr, und predigen euch, daß ihr euch bekehren sollt vom Eitlen zum lebendigen Gott, der den Himmel erschaffen und die Erde und das Meer und alles, was darin ist; der in den vergangenen Zeiten alle Völker ihre Wege wandeln ließ. Doch hat er sich nicht unbezeugt gelassen, indem er Wohltaten spendete, vom Himmel herab uns Regen gab und fruchtbare Zeiten und unsere Herzen sättigte mit Nahrung und Freude"4. Wer sähe denn den Kreis des Himmels, den Lauf der Sonne und des Mondes, die Stellungen und Bahnen der übrigen [S. 583] Gestirne, die zwar entgegengesetzt und verschieden sind, aber bei aller Divergenz die einheitliche Ordnung bewahren, ohne bei sich selbst zu bedenken, daß sie sich nicht selbst lenken, sondern ein anderer es ist, der sie ordnet und leitet, ihr Schöpfer? Und wer bei Tag die Sonne aufgehen und bei Nacht den Mond scheinen und ihn in ganz bestimmten Perioden von Tagen ununterbrochen ab- und zunehmen sieht, wer sieht, wie die einen Sterne sich hin- und herbewegen und verschiedentlich ihren Lauf ändern, die anderen ohne Abirrung ihre Bewegung beibehalten, sollte der nicht auf den Gedanken kommen, daß es einen Schöpfer geben muß, der sie lenkt?

1: 582
2: Sohn des Charmides nus Athen, nach der Anschauung der Alten der größte Bildhauer des Altertums.
3: Röm. 1, 20.
4: Apg. 14, 14-16.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger