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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

33.

Daß aber die Seele auch unsterblich geschaffen ist, — auch um diese Lehre der Kirche muß man wissen, um die Beseitigung der Götzen zu begründen. Die diesbezügliche Erkenntnis ließe sich nun wohl zunächst und einfacher aus der Kenntnis des Leibes gewinnen und aus der Verschiedenheit von Leib und Seele. Denn wenn die Erörterung für ihre Verschiedenheit vom Leibe bereits den Beweis erbracht hat, der Leib aber von Natur sterblich ist, so muß die Seele unsterblich sein, soll sie anders sein als der Leib. Wenn sodann die Seele, wie bewiesen, den Leib bewegt und selber nicht von anderen Dingen bewegt wird, so folgt daraus, daß die Seele, die sich selbst die Bewegung gibt, auch nach der Ablegung des Leibes zu seiner Bestattung in die Erde sich selbst wieder die Bewegung gibt. Nicht die Seele ist es, die stirbt, sondern der Leib — infolge seiner Loslösung von ihr. Wenn nun auch sie vom Leibe die Bewegung erhielte, so müßte sie selbst sterben, wenn der Beweger entweicht. Bewegt aber die Seele auch den Leib, so muß sie vorab sich selbst die Bewegung geben. Bewegt sie sich aber von selbst, dann muß sie auch nach dem Tode des Leibes fortleben. Die Bewegung der Seele ist ja nichts anderes als ihr Leben, so wie wir ja auch vom Leibe sagen, er lebe, wenn er in Bewegung ist, und dann seinen Tod konstatieren, wenn die Bewegung aufhört1. Indes kann man dies auch deutlich genug aus ihrer allgemeinen Wirksamkeit im Leibe wahrnehmen. Denn auch wenn sie sich im Leibe niedergelassen hat und an ihn gefesselt ist, so läßt sie sich doch nicht auf den Raum des Leibes einengen und abgrenzen. Vielmehr weiß sie, mag auch der Leib im Bette liegen und sich nicht regen, sondern wie im Tode ruhen, aus eigener Kraft zu wachen [S. 580] und über die Natur des Leibes sich zu erheben, und gleichsam los vom Leibe und doch in ihm verbleibend denkt und betrachtet sie das Überirdische; ja oft tritt sie gar mit Heiligen und Engeln in Verbindung, die außerhalb der irdischen Körperwelt stehen, und sie schwingt sich zu ihnen empor im Vertrauen auf die Reinheit des Geistes. Wie, wird sie dann nicht noch weit mehr nach ihrer Trennung vom Leibe, wenn es Gott gefällt, der sie daran gebunden, die Unsterblichkeit in hellerem Lichte schauen? Denn, lebt sie schon in Verbindung mit dem Leibe ein Leben außerhalb des Körpers, so wird sie weit eher auch nach dem Tode des Leibes weiter leben und nicht aufhören zu leben — dank der Gnade Gottes, der sie so erschaffen durch seinen Logos, unseren Herrn Jesus Christus. Deshalb denkt und sinnt sie auch über Unsterbliches und Ewiges nach, da sie ja auch unsterblich ist. Wie der sterbliche Leib und seine Sinne Vergängliches wahrnehmen, so muß die Seele, die Unsterbliches betrachtet und erwägt, selbst unsterblich sein und immerfort leben. Denn die Begriffe und Gedanken von der Unsterblichkeit verlassen sie nie, sondern verbleiben in ihr gleichsam als Funke zum Unterpfand der Unsterblichkeit2. Deshalb hat sie auch die Gottesidee und wird ihr eigener Weg, indem sie nicht von außen, sondern in sich selbst die Kenntnis und den Begriff vom Logos Gottes schöpft3.

1: Wenn hier in c. 33 als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele ihre Selbstbewegung geltend gemacht wird, so ist der Schriftsteller bei Plato in die Schule gegangen. Man vgl. Phädrus c. 24 und de legibus X.
2: Athanasius will sagen: Wesen mit dem untilgbaren Gedanken und Bewußtsein einer Unsterblichkeit müssen auch wirklich selbst unsterblich sein.
3: Aus den Ausführungen des Ath. erhellt ganz klar, daß er unter der unserer Seele eigenen Gottesidee nicht eine fertige Gottesvorstellung versteht, sondern nur die von Natur uns innewohnende Anlage, Fähigkeit und Neigung zur Gotteserkenntnis.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger