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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

31.

Fürs erste liegt ein nicht unwesentlicher Beweis für die Vernünftigkeit der Menschenseele darin, daß sie von den vernunftlosen Wesen verschieden ist. Deshalb eben pflegt ja die Natur die letzteren vernunftlos zu nennen — im Gegensatz zum menschlichen Geschlecht, das vernunftbegabt ist. Weiter ist wohl auch ein nicht unwichtiger Beweis hierfür die Tatsache, daß nur der Mensch über die Dinge außer sich nachdenkt, das Abwesende sich vergegenwärtigt, daß er ferner überlegt und mit freiem Urteil für das als besser Erkannte sich entscheidet. Die vernunftlosen Geschöpfe sehen nur auf das Gegenwärtige und zielen nur auf das in die Augen Fallende ab, auch wenn ihnen hieraus ein Nachteil erwächst. Der Mensch stürmt aber nicht auf das los, was er sieht, sondern prüft in vernünftiger Überlegung das, was ihm in die Augen fällt. So fühlt er oft einen Antrieb, beherrscht sich aber dank seines vernünftigen Urteils, und nach einem ersten Nachdenken sinnt er abermals nach. So gewahrt ein jeder, dem es um die Wahrheit zu tun ist, daß der Menschengeist etwas [S. 577] anderes ist als die leiblichen Sinne. Und weil er etwas anderes ist, eben deshalb wird er auch zum Richter über die Sinne, und was diese aufnehmen, das beurteilt er, hält es im Gedächtnis fest und zeigt ihnen das Bessere. Denn das Auge kann nur sehen, die Ohren können nur hören, der Mund kann nur kosten, die Nase nur riechen, die Hand nur betasten; was man aber sehen, hören, betasten, kosten, riechen soll, das können nicht mehr die Sinne bestimmen, sondern nur die Seele und ihr Geist. Freilich kann die Hand auch das Schwert ergreifen und der Mund Gift verkosten; aber sie wissen nicht, daß diese Dinge schädlich sind, wenn nicht die Vernunft das Urteil fällt. Es verhält sich damit — um zur Veranschaulichung ein Bild zu gebrauchen — wie mit einer trefflich konstruierten Leier und dem Musiker, der sie mit Virtuosität handhabt. Wie nämlich jede Saite der Leier ihren eigenen Ton hat, die eine einen tiefen, die andere einen hohen, die eine einen mittleren und eine andere wieder einen anderen, ihre Harmonie und Verbindung aber nur von dem Virtuosen erkannt und gefunden werden kann — erst dann nämlich kommt ihre Harmonie und rechte Verbindung zum Ausdruck, wenn der, welcher die Leier hält, die Saiten schlägt und jede harmonisch berührt —, ebenso beurteilt und weiß auch die Seele, was sie macht und tut, wenn der erfahrene Geist die einer Leier gleich gestimmten Sinne des Leibes meistert. Das vermögen aber nur Menschen, und darin zeigt sich das vernünftige Prinzip der menschlichen Seele, mit dem sie von den vernunftlosen Geschöpfen sich unterscheidet und zeigt, daß sie in der Tat etwas anderes ist als das, was am Leib in sichtbare Erscheinung tritt. So denkt der Mensch oft über das Himmlische nach und betrachtet es, wenn schon sein Leib auf der Erde liegt; und oft ist der innere Mensch geschäftig, während der Leib regungslos ist, ruht und schläft, und er betrachtet die Dinge außer sich, schwebt in ferne Länder, durchwandert sie, begegnet den Bekannten, und gar oft ahnt und weiß er damit seine Handlungen für den kommenden Tag voraus. Was sollte das aber anders sein als die vernünftige Seele, mit der der Mensch nachdenkt und erkennt, was über ihm ist?

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger