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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

27.

Doch vielleicht werden die, welche sich über diese Leute emporschwingen und einen offenen Blick für die Schöpfung haben, errötend ob der Enthüllungen solcher Greuel auch ihrerseits zugeben, daß diese von allen wohl eingesehen und widerlegt werden können. Dafür werden sie aber jene ihre Ansicht für gesichert und unwiderleglich ausgeben, wonach der Welt und ihrem Treiben Verehrung gebührt. Sie werden sich damit rühmen, daß sie nicht einfach Steine und Holzstücke und Gestalten von Menschen und vernunftlosen Vögeln, Kriechtieren und Vierfüßlern, sondern Sonne, Mond und die ganze himmlische Welt verehren und anbeten, und anderseits wieder die Erde und alles, was feucht [S. 570] heißt. Sie werden sagen, niemand könne beweisen, daß diese nicht von Natur Götter seien, da ja allgemein bekannt, daß sie weder unbeseelt noch unvernünftig sind, sondern gar die menschliche Natur überragen, da sie im Himmel, jene aber auf Erden ihren Wohnsitz haben. Billig darum, auch hier nachzusehen und nachzuprüfen. Denn jedenfalls wird auch hierin die Vernunft mit sicherem Beweis gegen sie entscheiden.

Ehe wir nachsehen und den Beweisgang antreten, mag laut genug die Schöpfung selbst wider sie gleichsam ihre Stimme erheben und zeigen, daß ihr Schöpfer und Baumeister Gott ist, ihr und des Weltalls Regent, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, er, von dem die Scheinweisen sich abkehren, dafür die durch ihn entstandene Schöpfung anbeten und vergöttern, während doch gerade auch sie den anbetet und bekennt, den jene um ihretwillen leugnen. (Denn so können die Menschen, welche die Teile der Schöpfung anstaunen und sie für Götter halten, treffend durch das gegenseitige Bedürfnis der Teile beschämt werden.)1 Sie bekennt auch und bekundet den Vater des Logos als ihren Herrn und Schöpfer durch den ihr strikte anbefohlenen Gehorsam gegen ihn, wie es auch im göttlichen Gesetze heißt: "Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, und seiner Hände Werk verkündet das Firmament"2. — Der Glaube hieran bleibt aber nicht dunkel, sondern ist ganz lichtvoll für die, deren geistiges Auge nicht gänzlich [S. 571] geblendet ist. Wenn man nämlich die einzelnen Teile der Schöpfung für sich nimmt und jeden einzeln betrachtet, z. B. die Sonne für sich allein und den Mond besonders, dann wieder die Erde und die Luft, die Wärme und die Kälte, die Trockenheit und Feuchtigkeit aus ihrer wechselseitigen Verbindung gelöst, jedes für sich nimmt und gesondert betrachtet, so wird man finden, daß gar nichts sich selbst genügt, vielmehr alles der gegenseitigen Ergänzung bedarf und sich nur durch gegenseitigen Beistand erhält. Die Sonne bewegt sich im Kreis mit dem ganzen Himmel und wird von ihm umschlossen, und sie könnte nie außerhalb seines Kreises bestehen. Der Mond und die übrigen Gestirne bezeugen ihre Abhängigkeit von der Sonne. Die Erde wieder läßt ohne Regengüsse keine Früchte hervorsprossen; die Regen aber fielen nicht nieder ohne Vermittlung der Wolken; aber auch die Wolken könnten ohne die Luft für sich allein nicht erscheinen noch je bestehen. Ebenso erhält auch die Luft nicht aus sich selbst, sondern vom Äther die Wärme und leuchtet von der Sonne durchglüht. Auch Quellen und Ströme werden sich nie ohne die Erde bilden. Die Erde aber ist nicht auf sich selbst gestützt, sondern ruht auf der Substanz der Wasser3; doch auch diese selbst ist wieder umgeben — in die Mitte des Weltalls eingeschlossen. Das Meer und der große Ozean, der von außen her die ganze Erde umfließt, wird von den Winden in Bewegung gesetzt und getrieben, wohin ihn die Gewalt der Winde trägt. Die Winde selbst wieder entstehen nicht in sich selbst, sondern nach Angabe derer, die sich hierüber geäußert haben, eben in der Luft infolge der Erhitzung und Erwärmung der Luft durch den Äther4, und sie wehen durch sie überallhin. Und was die vier Elemente anlangt, aus [S. 572] denen die Natur der Körper besteht, nämlich die Wärme und Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, wer wäre so sinnverrückt, daß er nicht wüßte, daß diese in Verbindung miteinander bestehen, getrennt und für sich bestehend alsbald einander aufheben, je nachdem das eine oder andere der Elemente das Übergewicht erlangt? Die Wärme wird von der überwiegenden Kälte aufgehoben, und die Kälte muß der Macht der Wärme weichen; das Trockene wird vom Nassen befeuchtet und letzteres vom ersteren aufgetrocknet.

1: Diesen Satz fand schon der frühere Übersetzer Fisch nicht an der richtigen Stelle und wollte ihn hinter die zwei nachfolgenden Sätze gestellt wissen. Doch stünde er am richtigsten nach dem 2. oder 3. Satz von c. 28, weil er sich als die resümierende Schlußfolgerung (οὕτως γὰρ) eines Beweisganges darstellt, wie wir ihn in der zweiten Hälfte des c. 27 lesen. Das Einschiebsel wäre so zu erklären: c. 27 stand in einer handschriftlichen Vorlage wohl auf der Rückseite und mit seinem Schlußteil auf der Vorderseite des nachfolgenden Foliums, die auch noch mit der Einleitung den c. 28 beschrieben war. Offenbar war der fragliche Satz als innere Randnote der Vorderseite eingetragen, die der Abschreiber versehentlich als Randnote zu der Rückseite des vorausgehenden Blattes zog und an obigem Orte einschaltete.
2: Ps. 18, 1.
3: Athanasius vertritt danach die Ansicht, daß das Erdinnere aus Wasser besteht (vgl. auch c. 36), eine Ansicht, die er ziemlich sicher Plato entlehnt hat, der seinerseits wieder von den jonischen Naturphilosophen beeinflußt war (vgl. O. Stegmann, Die Anschauungen des Mittelalters über die endogenen Erscheinungen der Erde. Leipzig 1913. S. 5 ff. 13 ff.).
4: Äther bedeutet bei den Alten die reine obere Luft, der Himmel, im Gegensatz zu ἀήρ.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger