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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

22.

Ist das Göttliche, weil anthropomorph, eben dementsprechend so abgebildet worden, warum fassen sie es dann auch in Typen von vernunftlosen Wesen? Wenn es aber die Gestalt unvernünftiger Triebwesen hat, warum geben sie ihm dann auch Formen von [S. 563] vernünftigen Wesen? Ist das eine wie das andere der Fall, und denken sie sich Gott aus beiderlei zusammengesetzt, so daß er die Gestalten von unvernünftigen und vernünftigen Wesen hat, warum trennen sie, was verbunden ist, und sondern die Gestalten von Tier und Mensch voneinander, anstatt ihn überall aus beiden darzustellen, wie man solchen Gebilden in Mythen begegnet, einer Scylla1, Charybdis2, dem Hippocentaur3 und bei den Ägyptern dem hundsköpfigen Anubis?4 Denn man hätte sie entweder nur so — mit ihrer Doppelnatur — darstellen oder, wenn sie eine Gestalt haben, nicht auch eine zweite ihnen andichten sollen. Haben sie sodann männliche Gestalt, warum geben sie ihnen auch weibliche Formen? Haben sie aber weibliche Gestalt, warum dichten sie ihnen männliche Formen an? Haben sie jedoch beider Gestalt, so hätte man sie nicht trennen, sondern beide verbinden sollen, so daß sie analog den Hermaphroditen geworden wären. So verriete ihr Götzenwahn nicht nur Gottlosigkeit und Schmach, sondern reizte die Augenzeugen auch zum Gelächter. Und überhaupt, wenn sie sich das Göttliche körperlich denken, und es dementsprechend mit einem Bauch, mit Händen und Füßen, und weiter mit Nacken und Brust und auch den menschlichen Zeugungsgliedern sich vorstellen und einbilden, so sieh doch, in welch ungeheure Gottlosigkeit und Gottvergessenheit ihr Geist versunken ist, daß sie derlei Vorstellungen vom Göttlichen haben. Demzufolge muß es ja auch den anderen menschlichen Zuständlichkeiten unterworfen sein, so [S. 564] daß es zerschnitten, geteilt und wieder ganz vernichtet werden kann. Doch diese und derlei Zuständlichkeiten sind nicht Gott eigen, wohl aber den irdischen Körpern. Gott ist unkörperlich und unvergänglich und unsterblich und hat überhaupt kein Bedürfnis. Diese Gestalten aber sind vergängliche Körperfiguren und bedürfen, wie bereits gesagt, des Dienstes der Menschen. Wir sind ja oft Zeugen davon, daß sie, veraltet, der Renovierung bedürfen, und daß die, welche Zeit oder Regen oder irgendein Geschöpf auf Erden verunstaltet hat, restauriert werden. Deshalb kann man sie der Torheit zeihen, weil sie die Götter nennen, deren Schöpfer sie selber sind, und weil sie von denen das Heil erflehen, die sie doch selbst mit ihrer Kunst sorgsam instand halten müssen, damit sie nicht vor ihnen zugrunde gehen, weil sie von diesen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse erwarten, die doch, wie sie selbst wohl wissen, ihrer Sorgfalt bedürfen, und weil sie sich nicht scheuen, diejenigen als Herrn Himmels und der Erde anzusprechen, die sie in kleine Kapellen einschließen.

1: Tochter des Phorkys und der Krataiis, ein Seeungeheuer mit sechs Drachenschlünden und einem Leibe, der mit halb hervorragenden Hunden und andern Scheusalen umgeben war.
2: Tochter des Poseidon und der Ge wird in der Mythologie als ein gefräßiges Weib gedacht, das vom Blitz des Zeus ins Meer geschleudert ward. Von einer charakteristischen Gestalt gleich der Scylla weiß jedoch die Sage nichts zu melden.
3: Hippocentaur, eine wilde Gestalt, halb Mensch, halb Pferd, welche die älteste Sage nach Thessalien verlegt.
4: Eine ägyptische Gottheit, Sohn des Osiris und der Nephtis. Er war Richter in der Unterwelt der Ägypter und Beschützer der Mumien.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger