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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

16.

Doch vielleicht reden sich daraufhin die Gottlosen hinaus mit der Eigenart der Dichter und sagen, es sei eine Eigenheit der Dichter, den Hörern zu gefallen, das, was nicht ist, zu schaffen und Mythen auszuspinnen, denen zulieb sie also nach ihnen auch die Dichtungen über die Götter geschaffen hätten. Daß aber diese ihre Ausrede haltloser ist als alle, läßt sich ihnen aus ihrer eigenen Meinung und ihrem Urteil hierüber erweisen. Ist nämlich das, was bei den Dichtern steht, Einbildung und Lüge, dann ist wohl auch die Namengebung für Zeus, Kronos, Hera, Ares und die übrigen Trug. Ja, es sind vielleicht auch die Namen fingiert, wie sie selbst sagen, und es gibt überhaupt keinen Zeus, Kronos, Ares; vielmehr schaffen sie die Dichter zur Täuschung der Zuhörer. Schaffen aber die Dichter das Nichtseiende, warum beten sie dann die Gebilde an, als existierten sie? Oder werden sie wohl sagen, daß sie die Namen nicht schaffen, nur die Handlungen ihnen andichten? Doch auch dann bleibt ihre Verteidigung gleich haltlos. Haben sie nämlich die Handlungen erlogen, dann [S. 555] jedenfalls auch die Namen derer, von denen sie die Handlungen erzählten. Wenn sie aber bezüglich der Namen bei der Wahrheit bleiben, dann notwendig auch in bezug auf die Handlungen. Übrigens, die diese als Götter fingiert haben, wissen wahrhaftig, was Göttern ansteht zu tun, und sie hätten nur die Einfälle von Menschen Göttern zugeschrieben, wie auch niemand die Wirkung des Feuers dem Wasser beilegen wird; denn das erstere brennt, letzteres aber hat eine kalte Natur. Sind aber die Werke der Götter würdig, dann mögen deren Vollbringer wirklich Götter sein. Sind aber Ehebruch und die bereits erwähnten Werke Handlungen von Menschen, und zwar von schlechten, so sollen die, die solche vollbringen, auch Menschen sein und nicht Götter. Denn die Handlungen müssen dem Wesen entsprechen, damit auch aus dem Handeln der Handelnde bezeugt und aus dem Wesen die Handlung erkannt werde. Wie man bei einer Erörterung über Wasser und Feuer und bei einer Besprechung ihrer Wirkungsweisen nicht sagte, daß das Wasser brenne, das Feuer kühle, noch bei der Rede von Himmel und Erde behauptete, die Erde leuchte, die Sonne aber bringe Pflanzen und Früchte hervor, im Gegenteile mit solchen Aufstellungen alle Verrücktheit überböte, so hätten auch die heidnischen Schriftsteller und vorab der alle überragende Dichter1 Zeus und den anderen Göttern, wenn sie dieselben als Götter gewußt hätten, nicht solche Handlungen beigelegt, die den gegenteiligen Beweis erbringen, daß sie nicht Götter, sondern Menschen sind, und zwar keine vernünftigen. Oder wenn die Dichter gelogen haben und du ihnen das nachsagst, warum haben sie dann nicht auch bei der Tapferkeit der Heroen es mit Lügen versucht und die Tapferkeit zur Schwäche und die Schwäche zur Tapferkeit umgedichtet? So hätten sie ja, wie bei Zeus und Hera, auch dem Achilles Unmännlichkeit andichten, an Thersites aber Kraft bewundern, dem Odysseus Mangel an Einsicht nachsagen, dem Nestor Unverstand zusinnen, dem Diomedes und Hektor weibische Taten und der Hekabe männliche Art andichten müssen. Die Dichter hätten [S. 556] ja, wie sie selbst behaupten, durchweg erdichten und lügen müssen. Nun aber hielten sie sich bei den Menschen an die Wahrheit, bei den sogenannten Göttern aber operierten sie ungescheut mit Lügen. Es könnte ja einer aus ihnen auch folgendes vorbringen: Im Berichte über ihre schamlosen Handlungen lügen sie, aber in ihren Lobeserhebungen, wo sie Zeus Vater der Götter, Höchsten, Olympier und Herrscher im Himmel nennen, erdichten sie nicht, sondern reden die Wahrheit. Daß aber diese Ausrede gegen sie spricht, könnte nicht bloß ich, sondern jeder andere nachweisen. Denn wieder wird mit den obigen Beweisen die Wahrheit gegen sie auftreten. Ihre Handlungen verraten sie als Menschen, die Lobsprüche aber übersteigen die menschliche Natur. Aber hier wie dort der Widerspruch in sich selbst: Es ist den Himmlischen nicht eigen, desgleichen zu tun, noch kann man anderseits die für Götter halten, die derlei Dinge treiben.

1: Homer.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger