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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

12.

Um von den vielen und allzu vielen1 Geschichten nur wenige anzuführen: Wenn man mitansieht, wie er an Semele, Leda, Alkmene, Artemis, Leto, Maia, Europe, Danae und Antiope sich Sünde und Schändung erlaubte, oder wie er gar an seiner eigenen Schwester sich frevlerisch verging und sie zur Schwester und Gattin hatte, muß man da nicht seiner spotten und ihn zum Tod verdammen? Ja, er beging nicht nur Ehebruch, sondern nahm gar die im Ehebruch erzeugten Kinder unter die Götter auf, um mit dem Schleier solcher Vergöttlichung seinen Frevel zu verhüllen: dahin zählen Dionysos, Herakles, die Dioskuren, Hermes, Perseus und Soteira2. Wenn man der sogenannten Götter unversöhnlichen, gegenseitigen Zank vor Ilium wegen der Griechen und Trojaner sieht, muß man da nicht ihre Schwäche verurteilen, wenn sie wegen ihres Haders untereinander auch noch die Menschen aufreizten? Wenn [S. 550] man sieht, wie Ares und Aphrodite von Diomedes3, Hera und Ädoneus, der sogenannte Gott der Unterwelt4, von Herakles, Dionys von Perseus, und Athene von Arkas verwundet werden, und Hephäst aus dem Himmel geworfen wird und hinkt5, muß man da nicht ihre Natur verachten und endlich aufhören, sie Götter zu nennen? Hört man noch, daß sie sterblich sind und leidensfähig, muß man sie dann nicht schlechterdings nur als Menschen beurteilen, und zwar als schwache Menschen, und sollte man nicht eher die Verwundenden als die Verwundeten bewundern? Oder wenn man den Ehebruch des Ares mit der Aphrodite sieht und auf die List des Hephäst gegen beide und auf die anderen sogenannten Götter, die auf die Einladung des Hephäst zum Anblick des Ehebruches auch herbeikommen und ihre Unzucht mitansehen6, muß man da nicht spotten und ihre Verkommenheit verdammen? Oder muß man nicht spotten, wenn man die von der Berauschung kommende Besinnungslosigkeit und Liederlichkeit des Herakles an der Omphale sich austoben sieht?7 — Ihr lüsternes Verhalten, ihre wahnsinnigen Buhlereien und die Götterfabrikation in Gold und Silber, Erz und Eisen, in Stein und Holz braucht man nicht ausdrücklich bloßzustellen, da diese Dinge an sich schon Abscheu erregen und an sich selbst das Merkmal der Verirrung tragen. Daher müßte man am meisten die bedauern, die sich hierin täuschen lassen. Sie8 hassen den Ehebrecher, der zu ihrer Gattin geht, schämen sich aber nicht, die Lehrer des Ehebruches zu vergöttern. Sie kennen keinen fleischlichen Verkehr mit ihren Schwestern, und doch beten sie die [S. 551] an, die solches tun. Sie geben zu, daß Knabenschändung eine Missetat ist, und verehren doch die, die solcher Vorwurf trifft. Und was die Gesetze nicht einmal den Menschen erlauben, das hängen sie, ohne zu erröten, ihren sogenannten Göttern an.

1: διὰ τὸ πλῆθος : wegen der Überzahl.
2: Den Beiname Σώτειρα = "Retterin“ führten mehrere griechische Göttinnen. Hier ist wahrscheinlich Artemis gemeint, die Tochter des Zeus und der Leto; sie führte als Beschützerin der gebärenden Frauen mit einem gewissen Vorrecht diesen Namen.
3: Homer, Il. V. 330 f.; 855 f.
4: Hades, der römische Pluto.
5: Homer, Il. I, 590.
6: Homer, Odyss. VIII, 266 f.
7: Omphale war die Tochter des Jardanes, Königin von Lydien, an die Herakles als Sklave verkauft wurde, weil er den Iphitos, des Eurytos Sohn, in einem Anfall von Raserei getötet hatte. Am Hofe dieser Königin soll Herakles ganz verweichlicht und tierischer Wollust verfallen sein. Ein Sohn der Omphale und des Herakles ist Lamos.
8: Die Menschen.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger