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Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

11.

Auf diese und derlei Geburten des Götzenwahnes hat ehedem und schon lange vorher die Schrift aufmerksam gemacht mit den Worten: "Der Anfang der Unzucht ist das Ersinnen von Götzen; ihre Erfindung aber ist die Entartung des Lebens. Denn sie waren nicht von Anbeginn, noch werden sie ewig bleiben. Durch die Hoffart der Menschen kamen sie in die Welt, und deshalb ward ihnen ein schnelles Ende zugedacht. Denn von maßlosem Schmerz ergriffen, ließ ein Vater ein Bild von einem schnell hinweggerafften Kinde entwerfen, ehrte den schon Toten, als wäre er noch am Leben und empfahl seinen Untergebenen Mysterien und Zeremonien. Mit der Zeit befestigte sich diese gottlose Sitte und gewann kanonische Geltung. Auf das Gebot von [S. 548] Gewalthabern hin wurden Schnitzwerke verehrt. Und weil die Menschen die, die fernab wohnten, nicht persönlich verehren konnten, stellten sie sich die entfernte Gestalt im Bilde dar und schufen ein sichtbares Bild des verehrten Herrschers, um dann im Wetteifer dem Abwesenden zu schmeicheln, als wäre er persönlich da. Zu erhöhter Verehrung reizte die Unwissenden auch der Ehrgeiz des Künstlers. Denn wohl um dem Herrscher zu gefallen, bot dieser alle Kunst auf, die bestmögliche Ähnlichkeit zu erreichen. Der große Haufe aber ließ sich durch die Schönheit des Bildes bestechen, den vor kurzem noch als Menschen Geehrten als Gegenstand göttlicher Verehrung zu betrachten. Und das war geschehen zur Täuschung des Lebens, daß die Menschen entweder unter dem Druck der Verhältnisse oder der Gewalt den unmitteilbaren Namen Steinen und Holzstücken beilegten"1. — So also nahm nach dem Zeugnis der Schrift die Götzenfabrikation bei den Menschen ihren Anfang. Jetzt gilt es, dir auch ihre (innere) Nichtigkeit aufzudecken, indem wir unsere Beweise nicht so fast von außen, als vielmehr aus den Vorstellungen der Menschen über die Götzen schöpfen.

Wenn man bei ihren sogenannten Göttern, um zunächst mit diesen niedrigen Dingen zu beginnen, auf die Handlungen sieht, so wird man finden, daß sie nicht nur keine Götter, sondern die schändlichsten Menschen waren. Was, ja was muß man doch bei den Dichtern an Liebschaften und Ausschweifungen des Zeus mitansehen! Was muß man mitanhören von seinem Raub des Ganymedes2, von seinen geheimen Ehebrüchen, von seiner Furcht und Angst, es möchten wider seinen Ratschluß Trojas Mauern fallen. Wie muß man mitansehen, daß er über den Tod seines Sohnes Sarpedon3 [S. 549] trauert, wie er ihm helfen möchte und doch nicht kann, daß er von anderen sogenannten Göttern bedroht wird, nämlich von Hera, Athene, Poseidon, aber von Thetis, einem Weibe, und dem hundertäugigen Agäon Hilfe bekommt4, wie er ein Opfer der Wollust wird, ein Knecht der Weiber, und ihnen zulieb in der Gestalt von unvernünftigen, vierfüßigen und geflügelten Tieren sein Leben riskiert, wie er bald wieder vor den Nachstellungen seines Vaters sich verbirgt, bald den Kronos in Fesseln schlägt und jener wieder seinen Vater entmannt5. Ist es nun recht, den für einen Gott zu halten, der solche Dinge verbrochen hat und sich vorwerfen lassen mußte, die das gemeine römische Recht nicht einmal den einfachen Sterblichen zu tun freistellt?6

1: Weish. 14, 12-21.
2: Sohn des Tros, der als Schönster der Sterblichen von den Göttern entführt und zum Mundschenk des Zeus bestellt wurde (Homer, Ilias XX, 231 ff.).
3: Sohn des Zeus und der Laomedeia, der als Führer der Lykier von Troja durch die Hand des Patroklus fiel. Zeus wollte ihn nach Lycien entrücken und so am Leben erhalten, gab aber dem Widerspruch der Hera nach (Homer, Ilias XVI, 431 f.).
4: Homer, Il. I, 396 f.
5: Hesiod, Theog. 164 ff.
6: Vgl. die lex Julia Dig. lib. XLVIII tit. 5 u. 6.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger