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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Zweiundzwanzigste Homilie [Kap. VI, Vers 5-13]

3.

Hatte ich vorhin nicht recht, wenn ich das Haus eines jeden mit einem ganzen Militärstaate verglich? Siehe, nachdem er jedem seinen Rang angewiesen, bewaffnet er sie nun und führt sie in den Kampf. Denn wenn keiner dem anderen sein Kommando raubt, sondern jeder an seinem Platze bleibt, so wird alles gut gehen. "Seid stark", sagt er, "im Herrn!" Was heißt das "um Herrn"? In der Hoffnung auf ihn, durch seinen Beistand. Nachdem er ihnen ausführlich vorgeschrieben, was sie zu tun hätten, sagt er: Fürchtet euch nicht, setzt alle Hoffnung auf den Herrn, und er wird alles leicht machen. "Und durch die Macht seiner Kraft", sagt er.

V.11: "Und ziehet an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die Nachstellungen des Teufels."

Er sagt nicht: gegen Kampf und Krieg. Denn nicht ehrlich und offen bekriegt uns der Feind, sondern mit heimlicher Nachstellung. Was bedeutet "Nachstellung"? Nachstellen heißt so viel als täuschen und durch Kniffe bezwingen, wie es bei Kunstübungen vorkommt, durch Worte, Handlungen, Finten seitens jener, welche uns irreführen wollen. So stellt z. B. der Teufel die Sünden nie in ihrer wahren Gestalt vor Augen; er nennt sie nicht Götzendienst, sondern weiß ihr heimlich nachstellend ein ganz anderes Aussehen zu verleihen, in dem er verlockende Gründe vorspiegelt und sich eines gleißenden Deckmantels bedient. Auch schon aus diesem Grunde hält der Apostel seine Streiter zur Wachsamkeit und Nüchternheit an, indem er sie überzeugt und belehrt, daß wir gegen einen in der Kriegskunst erfahrenen Feind zu kämpfen haben, der uns nicht ehrlich und offen bekriegt, sondern mit heimtückischer Nachstellung. Er ermuntert seine Jünger zuerst durch den Hinweis auf die ränkevolle Kunst des Feindes, sodann auf seine Natur und große Zahl. Nicht in der Absicht, die unter ihm stehenden Streiter zu entmutigen, sondern sie zu ermutigen und wachsam zu erhalten, redet er von den Kunstgriffen des Feindes und verlangt nüchterne Bereitschaft. Ja, wenn er sich darauf beschränkt hätte, bloß die Macht des Feindes zu schildern, dann hätte er sie entmutigt; wenn er aber vorher und nachher die Möglichkeit dartut, einen solchen Feind zu bezwingen, so erhöht er vielmehr ihren Mut. Denn je zuverlässiger von uns die eigenen Leute über die Stärke des Gegners unterrichtet werden, desto mehr wird dadurch die Tatkraft der Unseren entfacht.

V.12: "Denn wir haben nicht zu kämpfen gegen Fleisch und Blut", fährt der Apostel fort, "sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis hienieden, gegen die Geister der Bosheit in den Himmelshöhen."

Er feuert sie sodann auch durch den Hinweis auf den ausgesetzten Kampfpreis an. Wieso? Nachdem er versichert, daß der Feinde sehr viele seien, fügt er bei, daß sie uns auch große Güter entreißen wollen. Was für Güter? Der Kampf bewegt sich auf dem Gebiete des Himmlischen; nicht um Geld, nicht um Ruhm dreht sich der Streit, sondern um Knechtschaft und Unterjochung. Daher ist die Feindschaft eine unversöhnliche. Größer ist die Erbitterung, heftiger der Kampf, wenn Bedeutendes auf dem Spiele steht. Der Ausdruck "in den Himmelshöhen"1 besagt nämlich soviel als " für die Himmelshöhen"2 ; nicht als ob die bösen Geister durch den Sieg irgendwie selbst der himmlischen Güter teilhaftig werden wollten, sondern damit sie uns derselben berauben. Es verhält sich damit wie mit der Phrase: In was ist der Vertrag abgeschlossen? In Gold. Das "in" ist gleichbedeutend mit "für", das "in" ist gleichbedeutend mit "wegen". Beachte, wie der Gedanke an die Macht des Feindes unseren Mut entflammt, das Bewußtsein aber, daß große Güter gefährdet sind, daß große Güter den Preis des Sieges bilden, uns zu nüchterner Behutsamkeit zwingt! Denn der Feind arbeitet darauf hin, uns des Himmels verlustig zu machen. -

Der Apostel spricht von Fürstentümern und Gewalten und Weltbeherrschern der Finsternis hienieden. Welcher Finsternis? Etwa der Nacht? Keineswegs, sondern der Bosheit. Denn an einer früheren Stelle sagt er: "Wir waren einst Finsternis"3 , wobei er mit diesem Ausdruck die Bosheit im gegenwärtigen Leben bezeichnet. Denn darüber hinaus gibt es für sie keinen Raum mehr, nicht im Himmel, nicht im künftigen Leben. - "Weltbeherrscher" aber nennt er sie, nicht als tatsächliche Herren der Welt, sondern weil er weiß, daß die Schrift als "diese Welt" die schlechten Werke zu bezeichnen pflegt; wie wenn z. B. Christus sagt: "Ihr seid nicht von dieser Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin"4 . Waren sie darum etwa nicht von der Welt? Hatten sie nicht Fleisch und Blut? Gehörten sie nicht zu den Bewohnern dieser Erde? - Und anderswo wieder sagt er: "Die Welt haßt mich, euch aber kann sie nicht hassen"5 , indem er damit abermals die bösen Werke bezeichnet. So versteht er an unserer Stelle unter Welt die bösen Menschen; über diese haben die bösen Geister mehr Gewalt. - "Gegen die Geister der Bosheit in den Himmelshöhen", heißt es. Er spricht von Fürstentümern und Gewalten, gleichwie es auch in den Himmelshöhen Throne, Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten gibt.

V.13: "Darum" fährt er fort, "ergreifet die Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tage Widerstand leisten und, indem ihr alles überwindet, feststehen könnt."

Wiederum bezeichnet er als "bösen Tag" das gegenwärtige Leben, und er nennt diese Zeitwelt böse wegen des Bösen, das in ihr geschieht. Er will sagen: Seid stets gerüstet! - "Und, indem ihr alles überwindet", setzt er hinzu, d. h. Leidenschaften und ungeordnete Begierden, überhaupt alles, was uns zu schaffen macht. - Er verlangt von uns nicht einfachhin, daß wir die Waffen anwenden6 , sondern daß wir den Feind überwinden7 , so daß wir nicht bloß mit ihm gänzlich aufräumen, sondern darnach feststehen8 . Denn manche, die diesen Sieg erfochten, sind hinterher zu Fall gekommen. - "Indem ihr alles überwindet, feststehen könnt", sagt er, nicht etwa bloß das eine, das andere aber nicht; denn wir müssen auch nach dem Siege unerschütterlich feststehen. Der Feind ist wohl niedergeworfen, aber er wird sich vom Sturze wieder erheben, wenn wir nicht feststehen. Wenn er sich aber von seinem Falle wieder aufrichtet - doch solange wir feststehen, bleibt er liegen; solange wir nicht im Schwindel uns drehen, vermag er sich nicht zu erheben. Laßt uns anziehen "die Waffenrüstung Gottes"!

1: ἐν τοῖς ἐπουρανίοις
2: ὑπερ τῶν ἐπουρανίων
3: vgl. Eph 5,8
4: vgl. Joh 17,14
5: Joh 7,7
6: ἐργάσασθαι
7: κατεργάσασθαι
8: σθῆναι

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger