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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Zweiundzwanzigste Homilie [Kap. VI, Vers 5-13]

2.

Siehe, wie er deiner Knechtschaft alles Unedle benimmt! Denn gleich wie derjenige, welcher einer Summe Geldes beraubt wurde, wenn er dem Räuber noch eine weitere dazu gibt, nicht unter die Beraubten , sondern unter die Freigebigen, nicht unter die Übles dulden, sondern unter die Edles Tuenden gerechnet wird und ehe durch seine Freigebigkeit zuschanden macht, als durch seine Beraubung zuschanden wird : ebenso wird auch hier der Sklave, indem er das Maß der Pflicht übersteigt, nur um so hochherziger erscheinen, und dadurch, daß er von dem erlittenen Verluste sich nichts merken läßt, seinen Herrn beschämen. Laßt uns also um Christi willen der Herrschaft dienen! - "Wissend", fährt er fort, "daß jeder alles Gute, das er getan, vom Herrn [mit Lohn] zurückempfangen wird, wag er ein Knecht oder ein Freier sein". Weil sich nämlich voraussehen ließ, daß manche ungläubige Herrschaft keine Rücksicht kennen noch den Dienstboten ihre Unterwürfigkeit vergelten würde, so beachte, wie er dieselben tröstet, damit sie nicht an der Wiedervergeltung zweifeln, sondern voll Zuversicht auf die entsprechende Belohnung hoffen. Denn gleichwie diejenigen, welche Gutes empfangen, sofern sie ihren Wohltätern nicht vergelten, Gott zu deren Schuldner machen; ebenso vergelte dir auch die Herrschaften, wenn sie dir deine guten Dienste nicht vergelten, nur um so reichlicher, weil sie dadurch Gott zu deinem Schuldner machen. - Der Apostel fährt fort:

V.9: "Ihr Herren , handelt ebenso gegen sie!"

"Ebenso" - wie ist das zu verstehen? "Dienet ihnen mit Willigkeit!" Er hat wohl nicht den Ausdruck "dienet" gebraucht, gleichwohl aber mit dem Worte "ebenso" dieses angedeutet; denn auch der Herr muß dienen. "Nicht als solche, die Menschen zu gefallen suchen", spricht er, "mit Furcht und Zittern" gegen Gott, d. h. fürchtend, Gott möchte euch Herren wegen der Verwahrlosung eurer Dienstboten zu strenger Rechenschaft ziehen. "Laßt ab vom Drohen!" Er will sagen: Werdet nicht grob und drückend! "Denn ihr wißt, daß ihr Herr auch euer Herr ist im Himmel." Oh, welch inhaltsschwerer, furchteinflößender Ausdruck! Das heißt soviel als: "Mit dem Maße, mit dem du missest, wird dir wieder gemessen werden"1 . Mögest du nicht das Wort vernehmen: "Du böser Knecht, jene ganze Schuld habe ich dir nachgelassen!"2 . "Und bei ihm", heißt es weiter, "gilt kein Ansehen der Person."

Du darfst nicht glauben, will er sagen, Gott werde das, was einem Sklaven geschieht, so mir nichts, dir nichts hingehen lassen, da es sich ja nur um einen Sklaven handle. Die menschlichen Gesetze kennen allerdings einen Standesunterschied, weil es eben menschliche Gesetze sind; das Gesetz des gemeinsamen Herrn aber kennt keinen Unterschied, weil seine Wohltaten allen gemeinschaftlich zukommen und weil er allen an denselben Gütern Anteil gewährt. - Sollte aber jemand fragen, woher die Sklaverei stammt, und warum sie ins Leben der Menschen Eingang gefunden hat - denn ich weiß es, gar viele stellen gern solche Fragen und wünschen darüber Aufschluß -, so will ich es euch erklären. Die Habsucht hat sie erzeugt, die Weichlichkeit, die Unersättlichkeit. Denn weder Noe noch Abel, noch Set hatte einen Sklaven, auch nicht die Menschen nach ihnen. Die Sünde hat dieses Verhältnis erzeugt, die Beschimpfung der Eltern3 . Mögen die Kinder es hören, daß sie verdienen, Sklaven zu sein wenn sie gegen ihre Eltern sich undankbar benehmen! Solche berauben sich selbst des Adels; denn wer seinen Vater beschimpft, ist nicht mehr dessen Kind. Wenn nun einer, der seinen [leiblichen] Vater beschimpft, nicht mehr dessen Kind ist, wie wird dann einer, der unseren wirklichen Vater beschimpft, noch dessen Kind sein können? Er geht seines Adels verlustig, er schändet die eigene Natur. Sodann haben Kriege und Schlachten Gefangene [zu Sklaven] gemacht. - Aber, wendet man ein, Abraham hatte doch Knechte? Das wohl, aber er behandelte sie nicht als Knechte.

Beachte, wie der Apostel alles in die innigste Beziehung zum Haupte, zum Manne, bringt: die Frau, damit er sie liebe; die Kinder, damit er sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn erziehe; das Gesinde, "denn ihr wißt, daß ihr Herr auch euer Herr ist im Himmel". So benehmt auch ihr euch, will er sagen, da ihr gleichfalls Diener seid, schonungsvoll und nachsichtig!

V.10: "Endlich, meine Brüder, seid stark im Herrn und durch die Macht seiner Kraft."

Wenn ihr aber zuvor [noch] das auf die Dienerschaft Bezügliche hören wollt, so höret dasselbe, was früher in bezug auf die Kinder gesagt wurde: Lehret sie gottesfürchtig sein, und alles übrige ergibt sich ganz von selbst. Jetzt aber wird wohl, wenn man ins Theater oder ins Bad geht, der ganze Schweif der Dienerschaft nachgeschleppt; beim Gange in die Kirche aber beileibe nicht, ja man hält das Gesinde nicht einmal zum Besuch und zur Anhörung des Gottesdienstes an. Wird aber wohl der Dienstbote das Wort Gottes anhören, wenn du , sein Herr, dich um ganz andere Dinge kümmerst? - Du hast den Sklaven auf dem Markte gekauft? Trage ihm zuvörderst die Erfüllung der Pflichten gegen Gott auf, daß er gegen seine Mitsklaven verträglich sei, daß er auf die Tugend großen Wert lege" - Das Haus eines jeden ist mit einem Staate vergleichbar; jeder ist der Fürst seines Hauses. Daß dieses Bild beim Hause des Reichen zutrifft, leuchtet ein; denn hier gibt es Landgüter, Aufseher und Oberaufseher. Ich behaupte aber, daß auch das Haus des Armen einem Staate gleicht; denn auch hier gibt es Obrigkeiten: es herrscht der Mann über die Frau, die Frau über die Knechte, die Knechte über ihre eigenen Frauen; dann wieder Männer und Frauen über die Kinder. Scheint er dir nicht als eine Art König zu sein, da er so viele Aufseher unter sich hat? Meinst du nicht, daß er alle an Verwaltungs- und Regierungstalent übertreffen soll? Denn wer sich hierin gehörig auskennt, der weiß die passenden Aufseher zu wählen und wird gewiß eine ausgezeichnete Wahl treffen. So z. B. soll die Frau, ohne Diadem, ein zweiter König im Hause sein; und wer sich auf die richtige Wahl dieses Mitregenten versteht, der wird alles andere in schönster Ordnung halten. - "Endlich, meine Brüder", heißt es, "seid stark im Herrn!" Jedesmal, wenn er seine Rede beenden will, bedient er sich dieser Wendung.

1: vgl. Mt 7,2
2: Mt 18,32
3: vgl. Gen 9,25

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger