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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Einundzwanzigste Homilie [Kap. VI, Vers 1-4]

4.

Wenn es euch gut dünkt, wollen wir uns auf Abraham beschränken, den ja alle mit Vorliebe uns immer entgegenhalten. War er nicht verheiratet? Hatte er keine Kinder? Denn auch ich betone euch gegenüber das, worauf ihr so gern uns gegenüber den Nachdruck legt. Ja, er war verheiratet; aber nicht deswegen, weil er eine Frau hatte, war er bewunderungswürdig. Ja, er besaß Reichtümer; aber nicht deswegen, weil er Reichtümer besaß, war er Gott wohlgefällig. Ja, er hatte Kinder; aber nicht deswegen, weil er Kinder hatte, wurde er selig gepriesen. Ja, er besaß dreihundertundachtzehn Knechte; aber nicht deswegen wurde er bewundert. Willst du wissen, warum? Wegen seiner Gastfreundschaft, wegen seiner Geringschätzung irdischen Besitzes, wegen seiner Bescheidenheit. Denn sage mir, woran erkennt man den echten Weisen? Nicht daran, daß er Geld und Gut verachtet, daß er über Neid und jede Leidenschaft erhaben ist? Nun gut, laßt uns diesen Patriarchen genau betrachten, um euch zu zeigen, was für ein echter Philosoph er gewesen ist! Fürs erste gab er seine Heimat auf. Sobald er den Befehl vernommen: "Zieh hinweg aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft!"1 , zog er augenblicklich hinweg. Er war nicht gefesselt durch sein Haus - sonst wäre er nicht weggezogen -, nicht durch freundschaftlichen Umgang, nicht durch etwas anderes. Im Gegenteil. Am meisten von allem verachtete er Ruhm und Geld. Als er nämlich in einem Kriegszuge die Feinde in die Flucht geschlagen hatte und nun dafür die Beute annehmen sollte, verschmähte er sie2 . Aber auch der Sohn dieses Mannes wurde nicht bewundert wegen seines Reichtums, sondern wegen seiner Gastfreundschaft; nicht wegen seiner Kinder, sondern wegen seines Gehorsams; nicht wegen seines Weibes, sondern wegen der [durch sein Gebet behobenen] Unfruchtbarkeit seines Weibes3 . Sie gaben nichts auf das gegenwärtige Leben, suchten sich nicht zu bereichern, schätzten alles Irdische gering.

Sage mir doch, welche Pflanzen sind die besten? Nicht diejenigen, die ihre Kraft in sich selber tragen und weder durch Regengüsse, noch Hagelschlag, noch Windstöße, noch sonst ein derartiges Ungemach Schaden nehmen, sondern ungeschützt allem Trotz bieten, ohne einer Umfriedung oder Umzäunung zu bedürfen? So verhält es sich mit dem wahren Philosophen und seinem Reichtum. Er besitzt nichts und besitzt alles; er besitzt alles und besitzt nichts. Die schützende Wand ist nichts Innerliches, sondern etwas rein Äußerliches; die Umfriedung gehört nicht zu der Natur des Baumes, sondern zu seiner Umgebung. - Sage mir ferner, welcher Körper ist wirklich stark? Nicht derjenige, welcher gesund ist und weder durch Hunger noch durch Übersättigung, weder durch Kälte noch durch Hitze angegriffen wird? Oder sollte es jener sein, der im Gegensatz hierzu Tafeldecker, Weber, Jäger und Ärzte braucht, um gesund zu bleiben? Nur derjenige ist reich, der in Wahrheit ein Philosoph ist, der nichts von all dem nötig hat. - Deshalb sagt der heilige Paulus: "Erziehet sie in der Zucht und Lehre des Herrn!" Umgebet sie also nicht mit einer bloß äußerlichen Umfriedung; denn eine solche ist der Reichtum, eine solche der Ruhm. Wenn diese zusammenbricht - und sie bricht zusammen -, so steht der Baum schutzlos und ohne Widerstandskraft da; die Zeit des Schutzes hat ihm nicht nur nichts genützt, sondern auch noch geschadet. Jene Umzäunung, die ihn hinderte, gegen die Gewalt der Stürme sich Tag für Tag zu kräftigen, hat nur bewirkt, daß er jetzt mit einem Male zu Boden stürzt. -

Der Reichtum also schadet vielmehr, weil er die Menschen unvorbereitet und ungeübt den Widerwärtigkeiten des Lebens gegenüberstellt. Bereiten wir daher die Kinder derart vor, daß sie allem widerstehen können und sich durch keinen Angriff aus der Fassung bringen lassen; erziehen wir sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn, und reicher Lohn wird unser dafür warten. Wenn nämlich Künstler dafür, daß sie die Statue eines Königs fertigen oder sein Porträt malen, so hohe Ehre genießen: werden dann nicht wir dafür, daß wir das Ebenbild des himmlischen Königs schön darstellen - denn der Mensch ist das Ebenbild Gottes -, unendliche Seligkeit genießen, vorausgesetzt, daß wir es sprechend ähnlich gestalten? Diese Ähnlichkeit aber besteht in der Tugend der Seele: wenn wir die Kinder so erziehen, daß sie gut sind, daß sie nicht in Zorn geraten, daß sie des erlittenen Unrechtes nicht gedenken -lauter göttliche Eigenschaften -, wenn wir sie erziehen zur Wohltätigkeit, zur Menschenfreundlichkeit, zur Nichtachtung alles Vergänglichen. Dieses also sei unsere Aufgabe, uns sowohl als die Kinder gehörig zu formen und zu bilden; wie könnten wir sonst zuversichtlich vor den Richterstuhl Christi treten? Denn wenn es schon des bischöflichen Amtes unwürdig macht, ungehorsame Kinder zu haben, so gewiß noch viel mehr des Himmelreiches. - Was sagst du?

Wenn Weib und Kind unordentlich sind, müssen wir es verantworten? - Ja, wenn wir nicht mit der größten Gewissenhaftigkeit das Unsrige getan haben. Die eigene Tugend reicht für uns nicht hin zur Seligkeit. Wenn der Knecht, der das eine Talent vergrub, trotzdem gestraft wird, weil er nichts damit gewann, so geht daraus klar hervor, daß die eigene Tugend zur Seligkeit nicht genügt, sondern daß es auch der Tugend anderer bedarf. Wir wollen uns daher ernstlich um unsere Frauen kümmern, wir wollen angelegentlich sorgen für unsere Kinder und Dienstboten, angelegentlich auch für uns selbst! Und beim Ordnen unseres eigenen Wandels und des Wandelns jener wollen wir zu Gott rufen, er möge uns bei diesem Geschäfte hilfreich beistehen! Sieht er unser Sinnen und Trachten darauf gerichtet, so wird er uns gewiß dabei helfen; sieht er uns aber ganz gleichgültig dagegen, so wird er uns die Hand nicht reichen. Denn Gott gewährt uns seine Hilfe nicht im Schlafe, sondern nur, wenn wir selber mitwirken. Der Helfer ist eben nicht ein Helfer des Trägen, sondern des Selbsttätigen. Der gütige Gott allein aber vermag das Werk zum guten Ende zu führen, damit wir alle gewürdigt werden, die verheißenen Güter zu erlangen, durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: Gen 12,1
2: Gen 14.
3: Gen 25,21

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger