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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Einundzwanzigste Homilie [Kap. VI, Vers 1-4]

3.

Je angesehener daher die Stellung ist, die er in diesem Leben einnimmt, desto mehr muß er hierin unterrichtet sein. Lebt er nämlich am Hofe, so findet er dort zahlreiche Heiden und Philosophen und Erdenruhmtrunkene. Der Hof ist gleichsam ein Timmelplatz für Wassersüchtige; alle sind da aufgeblasen und aufgedunsen, und sie es noch nicht sind, beeifern sich, es zu werden. Bedenke nun, von welcher Wichtigkeit es ist, daß dein Sohn, wenn er dorthin kommt, wie ein tüchtiger Arzt hinkommt, ausgerüstet mit Instrumenten, die die Geschwulst eines jeden zurückzudrängen vermögen, daß er jeden besucht und sich mit ihm bespricht und seinen kranken Körper heilt, indem er die Heilmittel aus den Schriften auflegt und die Lehren wahrer Weisheit ausgießt. Denn mit wem soll der einsame Mönch sich unterhalten? Mit der Wand und dem Dache? Oder mit der Wüste und den Talschluchten? Oder mit den Vögeln und den Bäumen? Für ihn ist daher dieser Unterricht kein so zwingendes Bedürfnis; aber gleichwohl wendet er Mühe auf, sich hierin zu vervollkommnen, nicht so sehr um andere, als um sich selbst zu unterweisen. Gerade diejenigen also, die im Betriebe dieses Lebens stehen, können einen derartigen Unterricht besonders notwendig gebrauchen; denn ein solcher wird viel mehr zur Sünde gedrängt als ein anderer. - Ja, du mußt wissen, sogar in der Welt selbst wird er dadurch besser fahren. Alle nämlich werden ihn um solcher Reden willen achten, wenn sie sehen, daß er im Feuer nicht brennt und nicht nach hohen Ämtern begehrt. Gerade dann, wenn er nicht darnach strebt, wird er sie erlangen und beim Kaiser um so größeres Ansehen genießen. Unter vielen Gesunden wird der Gesunde verschwinden, wenn sich aber unter vielen Kranken ein Gesunder befindet, so wird sein Ruf bald bis zu den Ohren des Fürsten dringen, und dieser wird ihn über viele Völker setzen. Wenn ihr nun davon überzeugt seid, so erziehet eure Kinder in der Zucht und Lehre des Herrn! -

Wenn aber jemand arm ist? - Mag er noch so arm sein, er wird darum doch keinem Hofwürdenträger an Wert nachstehen, weil er nicht am Hofe ist, sondern allgemeine Bewunderung erregen und rasch zu einer Würde gelangen, die er sich selbst nicht dem Stimmzettel verdankt. Wenn schon die heidnischen Kyniker1 , die keine drei Batzen wert sind, mit ihrer Dreibatzenphilosophie - denn eine solche ist die Philosophie der Heiden; oder besser gesagt, sie ist in Wirklichkeit überhaupt keine, sondern trägt nur den Namen davon - , wenn schon diese, weil sie einen fadenscheinigen Mantel tragen und Haare und Bart wachsen lassen, vielen Leuten Achtung einflößen: um wieviel mehr derjenige, der in Wahrheit ein Philosoph ist? Wenn schon der trügerische Schein, wenn schon der Schatten der Philosophie so für sich einnimmt: was erst, wenn wir die wahre und echte Philosophie uns aneignen? Werden uns dann nicht alle hochschätzen? Werden sie nicht solchen Männern Haus und Weib und Kind unbedenklich anvertrauen? Aber es gibt jetzt keinen solchen Philosophen mehr, nicht einen einzigen. Deshalb kann man auch kein Beispiel dafür finden. Unter den Mönchen gibt es allerdings noch welche, unter den Weltleuten nicht mehr. Zum Beweis dafür, daß sich unter den Mönchen noch solche finden, könnte ich viele namhaft machen; doch will ich nur einen aus den vielen anführen. Ihr kennt gewiß den Mann, von dem ich jetzt reden will, und habt von ihm gehört, ja manche aus euch haben ihn noch gesehen: ich meine den bewunderungswürdigen Julian.

Das war ein schlichter Bauer, gewöhnlicher Leute Kind, ohne alle weltliche Bildung, aber voll unverfälschter Weisheit. Wenn der in die Stadt kam - das geschah nur [sehr] selten -, so entstand ein solcher Zusammenlauf der Bevölkerung, wie ihn kein Redner oder Sophist oder sonst einer je durch sein Auftreten hervorrief. Doch was sage ich? Wird nicht selbst sein Name jetzt noch glänzender gefeiert als alle Kaiser der Erde? Wenn das aber schon in dieser Welt geschieht, in der Welt, in welcher uns der Herr keine Güter verheißen hat, in welcher wir nach seinem Ausspruche nur Flüchtlinge sind: oh, so laßt uns erwägen, welch herrliche Güter erst im Himmel für uns aufbewahrt sein müssen! Wenn sie schon hier, wo sie nur Beisassen waren, so große Ehre genossen, welche Ehre werden sie erst dort genießen, wo sie Bürger sind? Wenn ihnen schon hier, wo der Herr nur Drangsal in Aussicht stellte, so große Verehrung gezollt wurde, welch seliger Friede muß ihnen erst dort zuteil werden, wo er wirkliche Ehre verheißen hat? - Wollt ihr, daß ich euch solche Beispiele auch unter den Weltleuten zeige? In der Gegenwart freilich besitzen wir keines. Es mag vielleicht auch unter den Weltleuten ganz brave Menschen geben; aber bis zum Gipfel der wahren Weisheit sind sie nicht gelangt. Darum will ich euch aus den Heiligen des Alten Bundes Beispiele nennen. Wie viele von ihnen, obschon sie verheiratet waren und Kinder hatten, standen den Vorerwähnten in nichts, in gar nichts nach! Aber heutzutage ist es nicht mehr so, wegen der bevorstehenden Not2 , wie Paulus sagt. Wen soll ich euch also nennen? Einen Noe? oder einen Abraham? Den Sohn des letzteren ? Oder den des ersteren? Oder einen Joseph? Oder soll ich, um auf die Propheten zu kommen, einen Moses, einen Isaias nennen?

1: im 4.Jahrh. v. Chr zu Athen gegr. Schule
2: 1 Kor 7,26

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger