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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Einundzwanzigste Homilie [Kap. VI, Vers 1-4]

2.

Wie anders als ungereimt muß man es nennen, die Kinder zwar in Kunstanstalt und Schule zu schicken und zu diesem Zwecke alles aufzubieten, aber in der Zucht und Ermahnung des Herrn sie nicht zu erziehen? Wahrlich die Folgen davon haben in erster Linie wir selbst zu tragen, wenn wir die Kinder frech, ungezogen, unfolgsam und niedriggesinnt aufwachsen lassen. Nein, tun wir das nicht, sondern beherzigen wir vielmehr die Mahnung des heiligen Paulus! Erziehen wir die Kinder in der Zucht und Lehre des Herrn! Geben wir ihnen die besten Beispiele an die Hand, indem wir sie von frühester Jugend an zum Lesen der Heiligen Schrift anhalten! - Ach, man wird mich für einen albernen Schwätzer ansehen, weil ich beständig darauf zurückkomme, allein des ungeachtet will ich nicht aufhören, meine Pflicht zu tun. Weshalb, sage mir, ahmt ihr nicht die Alten nach! Besonders ihr Frauen solltet jenen bewunderungswürdigen Frauen nacheifern. Ist dir ein Kind geboren? Ahme das Beispiel der Anna nach! Vernimm, was jene getan: sie führte ihr Kind sogleich in den Tempel, wem von euch wäre es nicht tausendmal lieber, wenn aus seinem Sohne ein Samuel, als wenn aus ihm ein König der ganzen Welt würde? - Ja, sagt man, wie sollte es möglich sein, daß er ein solcher Heiliger würde? Warum ist es nicht möglich? Weil du nicht magst, weil du ihn nicht jenen übergibst, die ihn dazu machen können. - Und wer kann das, fragst du? - Gott, denn ihm hat auch jene Mutter ihr Kind übergeben. Heli nämlich war nicht der Mann, der ihn besonders hätte bilden können - wie denn auch, da er nicht einmal seine eigenen Söhne zu erziehen vermochte -, sondern der Glaube und der gute Wille der Mutter hat das bewirkt. Samuel war ihr erstes und einziges Kind, und sie wußte nicht, ob sie noch andere Kinder bekommen würde. Und doch sagte sie nicht: Ich will warten, bis der Knabe größer geworden, damit er doch das Leben kennenlerne; ich will ihn seine Jugend ein wenig genießen lassen: sondern alle derartigen Gedanken von sich weisend war diese Frau einzig darauf bedacht, wie sie ihr Kind gleich von Anfang an als geistiges Weihegeschenk Gott zum Opfer bringen könnte.

Die Weisheit dieser Frau möge uns Männer beschämen! Sie brachte ihn Gott dar und ließ ihn dort. Deswegen wurde auch ihre Ehe überaus herrlich, weil sie zuerst das Geistige gesucht. weil sie die Erstgeburt Gott geweiht hat, deswegen war ihr Leib gesegnet und bekam sie noch andere Kinder; deswegen erlebte sie es, daß ihr Sohn in der Welt Berühmtheit erlangte. Denn wenn schon die Menschen Ehre erwidern, um wieviel mehr Gott, der uns ehrt, auch ohne vorher von uns geehrt worden zu sein? Wie lange noch bleiben wir fleischlich gesinnt? Wie lange noch neigen wir der Erde zu? - Alles trete zurück hinter der Sorge für die Kinder, hinter ihre Erziehung in der Zucht und Ermahnung des Herrn! Lehr dein Sohn von Anfang an wahrhaft weise sein, so hat er damit den allergrößten Reichtum, den höchstmöglichen Ruhm gewonnen. Du wirst sein Glück nicht so sehr begründen durch Unterricht in weltlicher Kunst und Wissenschaft, vermittelst derer er sich Geld zu erwerben vermag, als wenn du ihn jene Kunst lehrst, vermittelst der er das Geld zu verachten versteht. Willst du ihn reich machen, so mache ihn in dieser Weise reich! Denn reich ist nicht, wer viel Geld braucht und von allem umgeben ist, sondern wer keine Bedürfnisse hat. Darin unterweise deinen Sohn, das lehre ihn; das ist der größte Reichtum. Bemühe dich nicht, wie du ihn durch weltliche Kenntnisse den Weg zu Ansehen und Berühmtheit bahnen könntest, sondern laß es deine Sorge sein, wie du ihn lehren mögest, den zeitlichen Ruhm zu verachten; das wird ihn zu glänzenderem Ansehen und herrlicherem Ruhme verhelfen. Das kann der Arme so gut wie der Reiche tun. Das lernt man nicht von einem Lehrer noch durch die Kunst, sondern durch die göttlichen Aussprüche. Trachte nicht darnach, daß er lange lebe, sondern daß er ewig und ohne Ende lebe. Schenke ihm die Hauptsache, nicht das Nebensächliche! Höre, was Paulus sagt: "Erziehet sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn!" Bemühe dich nicht, einen Redner aus ihm zu machen, sondern erziehe ihn zu echter Lebensweisheit! Wenn er kein Redner ist, so wird ihm dies nichts schaden; wenn ihm aber die Weisheit fehlt, so wird ihm die kunstvollste Beredsamkeit nichts nützen. Reine Sitten tun ihm not, nicht feine Reden; ein edler Charakter, nicht Zungengewandtheit; gute Werke, nicht schöne Worte.

Diese verhelfen ihm zum Himmelreich, diese verschaffen ihm die wahren Güter. Schärfe nicht seine Zunge, sondern reinige seine Seele! - Ich will damit nicht den weltlichen Unterricht gänzlich beseitigt wissen, sondern nur verhindern, daß man auf ihn allein Gewicht lege. Glaube nicht, daß bloß für den Mönch die Kenntnis der Heiligen Schrift notwendig sei; gerade für die jungen Leute, die in der Welt leben sollen, ist sie am notwendigsten. Denn gleichwie nicht so sehr derjenige ein gut ausgerüstetes Schiff nebst Steuermann und dazu gehörige Bemannung nötig hat, der beständig im Hafen liegt, sondern derjenige, der immer auf hoher See fährt: ebenso verhält es sich mit dem Weltmenschen und mit dem Mönche. Der eine befindet sich gleichsam im windstillen Hafen und führt ein zurückgezogenes, gegen jeden Sturm gesichertes Leben; jener dagegen ist beständig auf dem Ozean und hat mitten auf hoher See mit dem sturmerregten Wogen zu kämpfen. - Und sollte dein Sohn auch nicht für sich selber der Kenntnis der Schrift bedürfen, so muß er doch schlagfertig sein, um andere zum Schweigen bringen zu können.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger