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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Neunzehnte Homilie [Kap. V, Vers 15-21]

5.

Auch an dem Gehöre kann man dies gleicherweise feststellen. Denn weder wird jemand imstande sein. so laut zu rufen, daß es sich in der Luft fortpflanzt, so weit das Auge zu reichen vermag, noch auch wird er aus solcher Entfernung etwas hören können. Warum sind nicht alle Glieder gleich edel? Warum haben sie nicht ein und dieselbe Verrichtung und Lage? Auch Paulus hat darüber nachgeforscht, oder vielmehr er hat nicht darüber nachgeforscht, denn er war weise, sondern an der Stelle, wo er darauf zu sprechen kommt, sagt er: "Gott hat jedes Glied am Leibe angebracht, wie es ihm wohl gefiel"1 . Er führte alles auf den göttlichen Willen zurück. [So wollen denn auch wir solche Untersuchungen aufgeben] und nur für alles danken! Darum sagt er: "Danket für alles!" Das geziemt sich für einen edeldenkenden, für einen weisen, für einen verständigen Diener; jenes dagegen verrät einen schwatzhaften, trägen und vorwitzigen. Siehst du nicht, daß unter den Dienern die schlechten und nichtsnutzigen geschwätzig und plauderhaft sind und sich vorwitzig um das kümmern, was die Herrschaft geheimhalten will: die verständigen und braven aber einzig darauf sehen, daß sie ihren Dienst vollkommen verrichten? Wer viel redet, arbeitet nichts; und wer viel arbeitet, redet nicht zur Unzeit. Deswegen sagt Paulus hinsichtlich der Witwen in einem Briefe: "Sie gewöhnen sich, nicht nur müßig zu sein, sondern auch geschwätzig"2 . - Nun sage mir, welcher Abstand größer ist, der zwischen uns und den Kindern oder der zwischen Gott und den Menschen? Der zwischen uns und den Mücken oder der zwischen Gott und uns? Offenbar der Abstand zwischen Gott und uns. Warum bist du also so vorwitzig? Sage Dank für alles!

Wie nun, wirft man ein, wenn mich ein Heide befragt, was soll ich antworten? Er will von mir erfahren, ob es eine Vorsehung gibt; denn er seinerseits behauptet, es gebe keine Vorsehung. - Nun , so kehre den Stiel um und frage auch du ihn! - Aber er leugnet die Existenz einer Vorsehung! - Daß es eine solche gibt, muß ihm aus deinen Worten einleuchten, daß sie aber unbegreiflich ist, ergibt sich daraus, daß wir den letzten Grund [der Dinge] nicht ausfindig machen können. Kennen wir doch selbst bei menschlichem Walten gar oft nicht die Art und Weise desselben; aber obschon es uns vielfach unbegreiflich vorkommt, fügen wir uns gleichwohl; um wie viel mehr gilt dies bei Gott! Doch bei Gott ist nichts ungereimt und kommt den Gläubigen nichts ungereimt vor. Darum wollen wir für alles ihm danken, für alles ihn preisen! - "Seid einander untertan", heißt es, "in der Furcht Gottes!" Wenn die Obrigkeit oder Geld oder Scham dich bestimmen, untertänig zu sein, um wie viel mehr die Furcht Gottes! Die Dienstbarkeit und Unterordnung sei gegenseitig; in diesem Falle kann von Dienstbarkeit keine Rede sein. Es nehme nicht der eine die Stelle eines Freien, der andere die eines Sklaven ein, sondern Herren und Sklaven sollen sich gegenseitig dienen. So ist es viel besser, ein Sklave zu sein als im Gegenfalle ein Freier. Das leuchtet ohne weiteres ein. Denken wir uns einen Herrn, der hundert Sklaven hat, und keiner aus ihnen ist dienstwillig; und auf der anderen Seite hundert Freunde, die sich gegenseitig dienen. Welche werden besser dienen, welche vergnügter und fröhlicher? Hier herrscht kein Zorn, keine Erbitterung, keine Heftigkeit noch sonst etwas Derartiges; dort Furcht und gedrücktes Wesen; dort geschieht alles nur, weil es sein muß, hier freiwillig; dort dient man nur gezwungen, hier aus gegenseitiger Gefälligkeit. So will es Gott; deshalb wusch er seinen Jüngern die Füße. Ja, wenn du es genau betrachten willst, so gilt dieses Gesetz der wechselseitigen Dienstleistung auch für die Herren .

Wie denn, wenn gleich der Dünkel es nicht zuläßt, daß diese Wechselseitigkeit zugegeben wird? Wenn er dir nämlich materielle Dienste leistet und du ihn dafür pflegst, mit Kost und Kleidung und Schuhwerk versiehst, so ist auch das eine Art gegenseitiger Dienstbarkeit; denn kommst du deinem Dienste nicht nach, so versagt er dir den seinigen; er ist frei, und kein Gesetz kann ihn zwingen, dir zu dienen, wenn du ihm nicht den Unterhalt gewährst. Ist dieses nun schon bei Sklaven der Fall, welche Ungereimtheit sollte dann darin liegen, es auch bei Freien in Anwendung zu bringen? - "Seid einander untertan", heißt es," in der Furcht Christi!" Was ist das für ein großer Liebesdienst, wenn wir dafür noch Lohn erhalten? - Doch man will sich dir nicht unterordnen? - Nun, so ordne du dich unter! Füge dich nicht bloß, sondern ordne dich unter! Benimm dich so, wie man sich gegen jede Herrschaft benimmt! Auf diese Weise wirst du an ihnen lauter ergebene Diener bekommen, wie sie das herrischste Dienstverhältnis nicht ergebener machen könnte. Denn viel eher wirst du sie gewinnen, wenn du selbst das Deinige leistest, auch wenn du von ihrer Seite keine Gegenleistung empfängst. - Das ist der Sinn der Worte: "Seid einander untertan in der Furcht Christi!" Wir sollen alle Leidenschaften beherrschen, wir sollen Gott dienen, wir sollen die gegenseitige Liebe bewahren. Dann werden wir imstande sein, auch der Menschenfreundlichkeit Gottes uns würdig zu machen, durch die Gnade und Erbarmung seines eingeborenen Sohnes, mit welchem dem Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: 1 Kor 12,18
2: 1 Tim 5,13

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger