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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Neunzehnte Homilie [Kap. V, Vers 15-21]

4.

Wenn du nun nicht einmal die Weisheit und das Walten der Vorsehung Gottes zu begreifen vermagst, wie wirst du imstande sein, die letzten Gründe zu erfassen, die ihn bestimmten? Sage mir doch, warum hat Gott den Menschen so klein gemacht und in solcher Entfernung von der Höhe des Himmels, daß er über das Wesen der dort oben sichtbaren Dinge im Zweifel ist? Weshalb ist der äußerste Norden und Süden unbewohnbar? Sage mir doch, warum ist die Nacht im Winter länger und im Sommer kürzer? Warum so große Kälte? Warum so große Hitze? Warum der Leib sterblich? So könnte ich noch unzählige Fragen an dich stellen und, wenn du willst, ohne Ende fortfahren, und auf alle wirst du mir die Antwort schuldig bleiben. Daher spricht gerade das für die Existenz einer Vorsehung, daß uns die letzten Gründe unerforschlich sind. - Man könnte auch noch auf die Annahme geraten, daß der Mensch die Ursache von allem sei, stünde uns nicht bei dem bloßen Gedanken daran der Verstand still. - Aber, wendet man ein; der und der ist arm, und die Armut ist ein Übel. Und was ist es erst mit der Krankheit? Was mit der Bresthaftigkeit? - Das sind keine Übel, mein Freund. Es gibt nur ein Übel, die Sünde , und das allein müssen wir gründlich ermitteln. Wir aber unterlassen es, die Ursachen der wirklichen Übel zu erforschen, und grübeln dafür über andere Dinge nach. Warum untersucht niemals einer von uns, aus welchem Grunde er gesündigt hat? Liegt die Sünde an mir? Liegt sie nicht an mir? Doch was brauche ich lange nach Gründen außer mir zu suchen? Ich will die Ursache in mir selber aufsuchen. Habe ich einmal meinen Unmut, meinen Zorn beherrscht, entweder aus Scham oder aus Menschenfurcht? Wenn ich sodann finde, daß dies der Fall war, so werde ich finden, daß die Schuld beim Sündigen an mir lag. - Aber darüber stellt niemand eine Untersuchung an, darüber grübelt niemand nach, sondern wie es im Buche Job heißt:

"Gedankenlos schwimmt der Mensch in eitlen Reden"1 . Was geht es denn dich an, daß dieser blind und jener arm ist? Nicht daraus hast du nach Gottes Willen dein Augenmerk zu richten, sondern darauf, was du tust. Denn zweifelst du daran, daß eine höhere Macht die Welt regiert, so bist du der allertörichste Mensch; bist du aber davon überzeugt, warum zweifelst du daran, daß es Gott also gefallen müsse? "Danket Gott", heißt es, "allezeit für alles!" - Sage mir denn, ich bitte dich: - Geh zu einem Arzte, und du wirst sehen, daß er, wenn jemand an einer schlimmen Wunde leidet, denselben schneidet und brennt. Doch ich will zu dir nicht von solchem reden; aber gehe in die Werkstätte eines Bildhauers! Da fragst du nicht nach dem Grunde, obwohl du nichts von dem, was dort geschieht, verstehst. Vieles kommt dir sonderbar vor, wie z. B. wenn er das Holz drechselt, wenn er ihm eine veränderte Gestalt gibt. - Oder ich will dich zu einer noch leichter verständlichen Kunst führen, z. B. der Malerei, und auch da wird es dir schwindelig werden. Kommt dir nicht alles, was der Maler tut, planlos vor? Was kann er mit den Strichen, mit den Umrissen wollen? Wenn er aber die Farben aufträgt, dann erscheint dir die Kunst schön, wiewohl du auch so noch kein genaues Verständnis gewinnst. -

Doch was rede ich von Bildhauern und Malern, überhaupt von deinesgleichen? Sage mir, wie die Biene ihren Stock baut; dann magst du über das Wirken Gottes sprechen. Lerne erst die Arbeit der Ameise, der Spinne, der Schwalbe kennen; dann magst du über das Wirken Gottes sprechen. Erkläre mir das; aber du dürftest es kaum vermögen. Willst du also nicht aufhören, Menschenkind, müßige Untersuchungen anzustellen? Sie sind in der Tat müßig. Willst du nicht aufhören, ohne Grund zu grübeln? Es gibt keine größere Weisheit als das Geständnis der Unwissenheit in diesen Dingen. Wer ehrlich zugibt, nichts davon zu verstehen, ist der weiseste von allen; wer es dagegen zu ergrübeln versucht, ist der größte Tor. Nicht allemal ist das Wissenwollen ein Zeichen von Weisheit, sondern mitunter auch ein Zeichen von Torheit. Denn sage einmal, wenn von zwei Menschen der eine sich erböte, den Luftraum zwischen Erde und Himmel mit ausgespannten Seilen zu messen, der andere dagegen, ihn verlachend, seine Unwissenheit eingestände: über welchen von beiden würdest du da wohl lachen? Über den, der zu wissen vorgibt, oder über den, der seine Unwissenheit eingesteht? Offenbar über den ersteren. In diesem Falle wäre also der Unwissende weiser als der, welcher vorgibt zu wissen. - Oder wenn sich einer anheischig machte, genau anzugeben, wie viele Maß Wasser das Meer faßt, ein anderer aber versicherte, das nicht zu wissen, wäre da nicht wiederum die Unwissenheit weiser als das eingebildete Wissen? Gewiß. Und warum? Weil gerade solch vorgebliches Wissen nur gesteigerte Unwissenheit ist. Denn wer seine Unwissenheit zugibt, der weiß wenigstens einen Teil von der Sache, so viel nämlich, daß sie für den Menschen unbegreiflich ist; und das ist nicht gering einzuschätzen. Wer dagegen zu wissen vorgibt, der weiß erst recht nicht, was er zu wissen vermeint, und macht sich gerade dadurch lächerlich.

Ach, durch wie viele Dinge werden wir gelehrt, die ungehörige Neugierde und den nutzlosen Vorwitz zu zügeln! Und doch halten wir uns nicht davon zurück, sondern grübeln über die Lebensverhältnisse anderer nach und fragen: Warum ist der und jener ein Krüppel? Warum, ist der und jener arm? In dieser Weise nun fortfahrend könnten wir auf das albernste Zeug verfallen: Warum die und die ein Weib und warum nicht alle Menschen Männer seien; warum das ein Esel, warum ein Ochse, warum ein Hund, warum ein Wolf, warum ein Stein, warum ein Holz sei; und so könnte man ins Endlose fortfragen. Darum eben hat Gott unserer Erkenntnis bestimmte Schranken gesetzt und diese in unserer Natur begründet. - Schau nur, wohin wir mit unseren vielen Grübeleien kommen! Die unermeßliche Höhe zwischen Erde und Himmel sehen wir ohne jedes unangenehme Gefühl; wenn wir aber einen hohen Turm besteigen und uns nur ein wenig bücken, um in die Tiefe hinabzublicken, so erfaßt uns auf der Stelle Schwindel, und es wird uns dunkel vor den Augen. Gib mir doch die Ursache davon an! Aber du kannst sie nicht ausfindig machen. Warum ist der Gesichtssinn schärfer und dringt in weitere Ferne?

1: Job 11,12 LXX

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger