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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Neunzehnte Homilie [Kap. V, Vers 15-21]

3.

Das sage nicht ich , sondern es sagt es Christus selbst, der uns liebt. Höre seine Worte: "Ist wohl jemand unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bittet, einen Stein gäbe? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, um wie viel mehr wird euer himmlischer Vater denen Gutes tun, die ihn darum bitten"1 . Höre ferner, was die Schrift an anderer Stelle sagt: "Kann denn ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes? Und wenn dieses Weib es vergäße, so wollte doch ich deiner nicht vergessen, spricht der Herr"2 . Wenn Gott uns nicht liebt, weshalb hat er uns dann erschaffen? Hatte er es etwa nötig? Sollten wir etwa einem Bedürfnis von ihm durch unseren Dienst abhelfen? Brauchte er vielleicht etwas von uns? Höre, was der Prophet spricht: "Mein Herr bist du, denn meiner Güter bedarfst du nicht"3 . - Doch die Undankbaren und Gefühllosen sagen: Die Güte Gottes sollte sich in der vollständigen Gleichstellung aller zeigen. - Sage mir, du undankbarer Mensch, welche Dinge betrachtest du nicht als Erweis der Güte Gottes? Und was verstehst du unter vollständiger Gleichstellung? - Der und der lautet die Antwort, ist ein Krüppel von Kindheit an, ein anderer ist wahnsinnig und rast wie besessen, ein anderer mußte bis in das höchste Greisenalter hinein sein ganzes Leben in Armut hinbringen und wieder ein anderer in schwersten Krankheiten. Und das sollen Werke der Vorsehung sein? Dieser ist taub, jener stumm, der arm, der andere dagegen, obwohl ein Schurke und vollendeter Bösewicht, der ungezählt Frevel auf Frevel häuft, lebt im Genusse seines Reichtums, unterhält Maitressen und Schmarotzer, besitzt einen prachtvollen Palast und führt ein behagliches Leben.

Und in diesem Tone geht es ununterbrochen weiter, um daraus eine lange Anklage gegen die göttliche Vorsehung zu schmieden. Wie also? Geschieht dies [alles] wirklich unvorhergesehen? Was vermögen wir ihnen zu erwidern? - Wenn es Heiden sind, die uns zugeben, daß die Welt von jemand regiert wird, so werden wir unsererseits an sie dieselbe Frage stellen: Wie also, geschieht dies [alles] wirklich unvorhergesehen? Warum verehrt ihr dann Götter und betet Dämonen und Heroen an? Denn nur wenn es eine Vorsehung gibt, dann waltet ein Wesen über allem. - Wenn es aber Leute sind, es seien Christen oder Heiden, die mutlos verzweifeln und grundsatzlos hin und her schwanken, was sollen wir ihnen entgegnen? Sage mir, ist es wohl denkbar, daß so viel Gutes von selber entsteht? Das täglich wiederkehrende Licht der Sonne? Die schöne Ordnung in allem, was da ist? Der Lauf der Gestirne? Der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht? Die strenge Gesetzmäßigkeit der Natur bei Pflanzen, Tieren und Menschen? Wer ist es, sage mir, der dies alles ordnet? Wenn kein höchstes Wesen waltete, sondern alles durch Zufall entstand, wer hat diese so schöne, so mächtige Himmelsgewölbe in kühnem Schwunge über Land und Meer gespannt? Wer gibt fruchtbare Zeiten? Wer hat in Samen und Pflanzen solche Kraft gelegt. Das Werk des Zufalls ist durchaus ohne Ordnung; Wohlgeordnetheit aber setzt geistige Gewandtheit voraus. Sag mir doch, wo gibt es bei uns ein Werk des Zufalls, das nicht in hohem Grade an Planlosigkeit, Verwirrung und Unordnung litte? Ja, ich rede da nicht einmal vom reinen Zufall, sondern von einem Werke, das ein Mensch gemacht hat, aber ohne Verständnis und Kunst. Es seien z. B. Holz, Stein und Kalk vorhanden; und nun laß einen Menschen, der nichts vom Bauhandwerk versteht, damit bauen und arbeiten: wird er nicht alles verderben und verpfuschen? - Oder denkt euch ein Schiff ohne Steuermann, aber sonst mit allem versehen, womit es versehen sein muß: es wird, sage ich nicht unausgerüstet, nein, auch ausgerüstet keine Fahrt unternehmen können. Und die schwere Masse der Erde sollte sich ohne eine zusammenhaltende Macht so lange Zeit hindurch so fest über dem Wasser, auf dem sie steht, haben erhalten können?

Wo bleibt da der Sinn? Ist es nicht unendlich lächerlich, solches zu denken? Und wenn das Wasser auch noch den Himmel trägt, so kommt damit eine neue Last hinzu; schwimmt aber der Himmel in dem Wasser, so entsteht sofort eine neue Frage, besser gesagt keine Frage, sondern ein Werk der Vorsehung. Was auf dem Wasser schwimmen soll, darf nicht vertieft, sondern muß erhaben sein. Warum denn das? Weil ein ausgebauchter Körper ganz ins Wasser taucht, wie man es am Schiffe sehen kann, während ein nach oben gewölbter Körper ganz an der Oberfläche bleibt und nur mit seinem Rande aufliegt; für ihn müßte also das Wasser ein harter Körper sein, der Widerstand leistet und nichts eindringen läßt, um die aufliegende Last tragen zu können. - Aber vielleicht trägt die Luft den Himmel? Doch diese ist noch viel weicher und lockerer als das Wasser und vermag nicht einmal die feinsten Körper zu stützen, geschweige denn eine solche Masse. - Mit einem Worte, wenn wir alle Beweise für die Vorsehung im allgemeinen und im einzelnen durchgehen wollten, so würde unsere ganze Lebenszeit dafür nicht ausreichen. Nun frage ich jeden, der über jene Dinge nachforscht: Sind das Werke der Vorsehung oder Werke des Zufalls? - [Und wenn er sagen sollte]: Sie sind nicht Werke der Vorsehung, so frage ich wiederum: Wie sind sie denn entstanden? Darauf dürfte er kaum etwas Vernünftiges zu erwidern haben. Wie, du weißt es nicht? Also sollst du über die menschlichen Dinge noch viel weniger mit ungehöriger Neugierde nachgrübeln. Warum? Weil der Mensch höher steht als alle Geschöpfe und diese um seinetwillen da sind, nicht er um ihretwillen.

1: Mt 7,9.11
2: Is 49,15
3: Ps 15,2

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger