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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achtzehnte Homilie [Kap. V, Vers 5-14]

4.

Sage einmal, wenn man dir die Möglichkeit böte, alles in Besitz zu nehmen, wärest du nicht dazu bereit? Nun, du kannst es, wenn du nur willst. Gar manche bedauern es nach ihren eigenen Worten, wenn sie ihr Erbgut an andere abtreten müssen, und wünschten, sie hätten es lieber selbst verzehrt, als daß sie jetzt Fremde als Herren darüber schalten sehen. Von dieser Krankheit will ich dich gar nicht einmal befreien - auch das nämlich verrät eine kranke Seele -; doch sei dem immerhin so: setze wenigstens in deinem Testamente Christus zum Erben ein! Freilich hättest du das bei Lebzeiten tun sollen, dann wäre es mit völlig freiem Willen geschehen; indes laß dich wenigstens von der Notwendigkeit zwingen, freigebiger zu werden! Denn Christus hat deshalb befohlen, den Armen zu geben, damit er uns bei Lebzeiten zu wahren Philosophen mache, zur Verachtung des Geldes bestimme und die irdischen Dinge geringschätzen lehre. Das ist keine Verachtung des Geldes, wenn man es im Tode, wo man nicht mehr Herr darüber ist, diesem oder jenem überlassen muß. Da gibst du von dem Deinigen nicht mehr freiwillig, sondern notgedrungen. Da gebührt der Dank dem Tode, nicht dir. Das ist nicht ein Ausfluß zärtlicher Liebe, sondern bitterer Notwendigkeit.

Möge es doch wenigstens so noch geschehen! Mögest du wenigstens dann noch die Leidenschaft aufgeben! Bedenke, wie viel du geraubt, wie viel du ungerecht erworben hast! Erstatte alles vierfach1 , erwirb dir so Verzeihung bei Gott! Aber manche sind schon wo weit im Wahnsinn und in der Verblendung gekommen, daß sie nicht einmal dann einsehen, was nottut; sie handeln vielmehr in allem so, als legten sie es förmlich darauf an, das Gericht Gottes für sich noch furchtbarer zu machen. - Deshalb sagt der heilige Paulus in seinem Briefe: "Wandelt als Kinder des Lichtes!" Der Habsüchtige aber lebt selber in tiefster Finsternis und verbreitet auch allenthalten dichte Finsternis um sich her. - "Und nehmet nicht teil", heißt es weiter, "an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern ziehet sie vielmehr ans Licht! Denn was im Verborgenen geschieht, ist schändlich auch nur zu nennen. Alles aber, was an das Licht gezogen wird, wird durch das Licht aufgehellt." Höret dies, ich bitte euch, ihr alle, die ihr nicht "grundlos" gehaßt, sondern geliebt sein wollt. Wozu nützt mir, sagt man, der Haß? - Es raubt einer, und du weisest ihn nicht zurecht, weil du seinen Haß fürchtest? Aber das heißt doch nicht grundlos gehaßt werden? Du weisest nach Gebühr zurecht und du fürchtest seinen Haß? Weise den Mitbruder zurecht, nimm seine Feindschaft auf dich aus Liebe zu Christus, aus Liebe zu ihm selbst, hindere ihn daran, sich in den Abgrund zu stürzen! Mit jemandem zu Tische sitzen und sich freundlich unterhalten, artige Begrüßungen tauschen und schwelgen, das ist noch kein besonderer Freundschaftsbeweis. Wir wollen den Freunden solche Geschenke machen, daß wir ihre Seelen vor dem Zorne Gottes retten! Sehen wir sie im Feuerofen des Lasters liegen, so wollen wir sie daraus emporheben! - Aber, so wendet man ein, er läßt sich nicht bessern. -

Tue nur du das Deinige, dann bist du vor Gott gerechtfertigt. Vergrabe das Talent nicht! Dazu hast du Vernunft, dazu Zunge und Mund, damit du den Nächsten zu bessern suchest. Nur bei den unvernünftigen Tieren kümmert sich keines um das andere, nimmt keines Rücksicht auf die anderen. Du aber, der du Gott Vater und den Nächsten Bruder nennst, du siehst, wie er unzählig viel Böses tut, und läßt dir an seiner Gunst mehr gelegen sein als an seinem Seelenheile? Handle doch nicht so, ich bitte dich! Es gibt keinen größeren Beweis von Freundschaft, als wenn man den Fehlern seiner Mitbrüder gegenüber nicht gleichgültig bleibt. Bemerkst du bei ihnen Feindschaft? Versöhne sie! Bemerkst du an ihnen Habgier? Halte sie davon zurück! Bemerkst du, daß ihnen Unrecht geschieht? Steh' für sie ein! Damit erweisest du nicht nur ihnen Gutes, sondern in erster Linie dir selber. Wir sind deshalb Freunde, damit wir einander nützen. Anders nimmt man es auf vom Freunde, und anders vom ersten besten. Gegen einen Fernstehenden wird man vielleicht mißtrauisch sein, ja selbst gegen den Lehrer, nicht aber gegen den Freund. - "Denn was im Verborgenen geschieht", sagt der Apostel, "ist schändlich auch nur zu nennen. Alles aber, was an das Licht gezogen wird, wird durch das Licht aufgehellt." Was will er damit sagen? Nichts anderes, als daß hienieden die Sünden zum Teil unbewußt, zum Teil bewußterweise begangen werden. Im Jenseits aber wird es nicht so sein; da gibt es keinen, der sich nicht der Sünde bewußt wäre. Deshalb sagt er: "Alles aber, was an das Licht gezogen wird, wird durch das Licht aufgehellt." - Wie nun? Spricht er hier von der Abgötterei? Nein, hier ist vom Lebenswandel und von den Sünden die Rede. Alles, was aufgehellt wird, sagt er, ist Licht.

Darum ermahne ich euch, säumet nicht, zurechtzuweisen, und nehmt es nicht übel auf, wenn ihr zurechtgewiesen werdet! Denn solange etwas im Verborgenen geschieht, geschieht es mit größerer Ungescheutheit; sobald aber viele Zeugen der Tat vorhanden sind, wird sie ans Licht gezogen. Darum wollen wir alles mögliche aufbieten, um den Tod der Seele von unseren Mitbrüdern zu entfernen, die Finsternis zu zerstreuen und die Sonne der Gerechtigkeit herbeizuführen. Denn wenn es viele Leuchten gibt, so wird nicht nur ihnen selbst der Weg der Tugend leicht sein, sondern auch die in Finsternis Befindlichen werden eher überführt werden, da das Licht zu ihnen durchdringt und das Dunkel verscheucht. Im Gefallenen aber ist zu befürchten, daß auch die Leuchten erlöschen, indem die dichte Finsternis der Sünden über das Licht obsiegt und seine Helligkeit verdrängt. Seien wir also in unserem eigenen Interesse und im Interesse der Nebenmenschen stets dazu entschlossen, damit wir in allem den liebreichen Gott verherrlichen, durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit des eingeborenen Sohnes Gottes, mit welchem dem Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: vgl. Lk 19,8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger