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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achtzehnte Homilie [Kap. V, Vers 5-14]

3.

So verhält es sich mit dem leiblichen Tode; der Tod der Seele dagegen ist schauderhaft und fürchterlich. Denn er versetzt dieselbe nach der Trennung nicht, wie dies beim leiblichen Tod der Fall ist, an den Ort der Herrlichkeit, sondern sendet sie, wiederum an den unverweslich gewordenen Körper gefesselt, in das unauslöschliche Feuer. So verhält es sich also mit dem Tode der Seele. - Wie es nun einen Tod der Seele gibt, so gibt es auch einen Seelenmord . - Worin besteht die Ermordung des Leibes? Darin, daß er zur Leiche gemacht und der Lebenstätigkeit der Seele gewaltsam beraubt wird. Und worin besteht die Ermordung der Seele? Gleichfalls darin, daß sie zur Leiche gemacht wird. Wie wird aber die Seele zur Leiche? Wie der Leib dann zur Leiche wird, wenn die Seele ihn verläßt und ihm die ihr eigentümliche Lebenstätigkeit entzieht, so wird auch die Seele dann zur Leiche, wenn der Heilige Geist sie verläßt und ihr die ihm eigentümliche Lebenstätigkeit entzieht. Solche Seelenmorde geschehen zu häufigst am Altare der Habsucht. Sie werden nicht satt, sie bleiben nicht stehen beim Vergießen von Menschenblut; wenn nicht auch die Seele geopfert wird, wenn er nicht beider Seelen erhält, die des Opfernden und die des Geopferten, geschieht dem Altare der Habsucht nicht volles Genüge. Denn wer ein solches Opfer bringt, muß zuerst selber geopfert sein, ehe er opfert; und so opfert der Tote den bis dahin noch Lebenden. Wenn er nämlich Lästerungen ausstößt, wenn er in Schmähungen ausbricht, wenn er Abneigung im Herzen hegt, sind das nicht unheilbare Wunden der Seele?

Siehst du nun, daß unser Satz keine rednerische Übertreibung ist? - Willst du noch einen anderen Ausspruch hören, um daraus zu entnehmen, inwiefern die Habgier Götzendienst ist, ja noch Ärgeres als Götzendienst? - Die Götzendiener beten die Geschöpfe Gottes an. "Sie haben", sagt der Apostel, "Verehrung und Dienst viel mehr dem Geschöpfe erwiesen als dem Schöpfer"1 . Du aber betest deine eigene Schöpfung an. Denn die Habsucht hat nicht Gott erschaffen, sondern deine maßlose Unersättlichkeit hat sie ausgeheckt. Sieh nur, wie wahnsinnig und lächerlich! Die Götzenanbeter halten das auch in Ehren, was sie anbeten, und wenn jemand es schmäht und lästert, so treten sie dafür ein; du aber betest wie in einem Rausche ein Ding an, das nicht nur nicht frei von Tadel, sondern sogar voll von Göttlosigkeit ist. Sonach bist du viel schlechter als jene; denn du kannst dich nicht damit ausreden, daß es nichts Böses sei. Wenn schon jene durchaus unentschuldbar sind2 , so bist du es in noch weit höherem Maße, da du tausendmal die Habgier tadelst und gegen alle diejenigen losziehst, die ihr dienen, frönen und nachgeben.

Wenn es euch beliebt, wollen wir nach der Entstehungsursache des Götzendienstes forschen. Ein weiser Mann erzählt: Ein Reicher, über den frühen Tod seines Sohnes tief trauernd und untröstlich in seinem Schmerze, habe sein Leid dadurch zu lindern gesucht, daß er ein lebloses Bild des Verstorbenen anfertigen ließ, und, indem er dasselbe beständig vor Augen hatte, in dem Bilde den Dahingeschiedenen selbst zu besitzen glaubte. Gewisse Schmeichler aber, deren Gott der Bauch, hätten dem Vater zu Ehren jenem Bild gehuldigt und es mit der Sitte bis zum Götzendienst getrieben3 . Also Seelenkrankheit, unvernünftige Gewohnheit und Maßlosigkeit sind die Ursachen, denen er seine Entstehung verdankt. Nicht so die Habgier; allerdings hat auch sie ihren Ursprung in einer Krankheit der Seele, aber in einer weit schlimmeren. Da hatte nicht einer seinen Sohn verloren und suchte dann in seinem Jammer nach Trost und ließ sich von Schmeichlern verführen; sondern wie? Ich will es euch sagen. Kain wollte Gott übervorteilen: was er ihm hätte geben sollen, behielt er für sich, und was er selbst hätte behalten sollen, das brachte er ihm dar; an der Person Gottes hat sich dieses Laster zum ersten Male versucht. Denn wenn wir selber Gottes Eigentum sind, so sind es um so mehr die Erstlinge unseres Besitztums. - Aus der Habsucht entsprang sodann die Begierde nach den Weibern: Sie sahen die Töchter der Menschen und ließen sich hinreißen zu böser Lust4 ; daraus wieder entsprang die Begierde nach Geld. - Das Verlangen, in dem, was zum Leben gehört, mehr zu haben als der Nächste, entsteht lediglich aus der Erkaltung der Liebe; diese Sucht nach Mehr hat ihren Grund in nichts anderem als im Wahnsinn, Menschenhaß und Verachtung. - Siehst du nicht, wie groß die Erde ist? Wie viel größer die Luft, der Himmel sind als unser Bedürfnis? Um deine Habsucht zu stillen, hat Gott seiner Schöpfung eine solche Ausdehnung gegeben; und trotzdem raubst du? Du hörst, daß die Habgier Götzendienst ist, und trotzdem erschauderst du nicht? Du willst die Erde zum Erbteil? Dann hast du kein Erbteil im Himmel. Du trachtest eifrig darnach, anderen ein Erbgut zu hinterlassen, um dich selbst eines solchen zu berauben?

1: Röm 1,25
2: vgl. Röm 1,20
3: vgl. Wh 14,15 f
4: vgl. Gen 6,2

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger